„Alles Walzer!“ für Babyohren

Welche Vorteile genießen Babys in ihrer Sinnes- und Geistesentwicklung, wenn sie bei simultan laufender Musik spielen? Hören.at hat die interessanten Ergebnisse einer aktuellen Studie zusammengefasst.

Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Nein, es geht hier nicht darum, Babys das Walzertanzen beizubringen, sondern um die positiven Effekte des Hörens von Walzermusik. Das ist eine besondere Möglichkeit, Kinder früh zu fördern, legt eine jüngst erschienene US-Studie der Universität von Washington nahe. Untersucht wurde, inwieweit musikalisch untermaltes Spielen eine Reihe positiver kognitiver Lerneffekte für Kleinkinder nach sich ziehen kann.

Konkret beleuchtet die Untersuchung, wie sich Walzermusik und der gleichzeitige Einsatz von Musikinstrumenten auf die Hirnareale von neun Monate alten Babys beim Spielen auswirken. Tatsächlich wurden die Regionen für ein besseres Verständnis von Sprach-und Musikstrukturen laut Magnetoenzephalographie (MEG) – im Gegensatz zu der Testgruppe von Kindern, die ohne Musik spielten – verstärkt aktiviert.

Hirnareale aktivieren besser früher als später?

Prägend für Babys können also schon die musikalischen Begegnungen im Bauch lange vor der ersten Spieluhr sein. Aber wie kann man sich das kognitive Lernen in diesem Alter überhaupt vorstellen? Die Tendenz des zentralen Studienergebnisses – die zeigt, wie gut kognitives Training schon in jungen Jahren über das Sinnesorgan Ohr funktioniert – kann Prof. Hans Lassmann, Vorstand des Instituts für Neuroimmunologie der Medizinischen Universität Wien, gut nachvollziehen: „Als Säugling befindet sich das Gehirn in der absoluten Entwicklungsphase. In dieser wird die Vorbereitung für das Speichern und Abrufen von allen Inhalten entscheidend bestimmt. Wenn eine Hirnfunktion also nicht gebraucht bzw. nicht gefördert wird, gibt es keine entsprechende Verschaltung dafür. Das heißt, sie ist dann nicht aktiviert und steht nicht zur Verfügung“, sagt Lassmann.

Ein frühes kognitives Training könne diese Fähigkeiten jedoch verbessern, erklärt Lassmann. „Egal, ob man Fremdsprachen lernt oder früh intensiv Musik hört, das Verständnis für diese Bereiche wird entscheidend gefördert. Gerade bei Karrieren von Profimusikern, bei denen die intensive musikalische Förderung oft schon sehr früh beginnt, ist das oft der Fall.“

Schlager helfen nicht beim Lernen

Wieso ausgerechnet Walzer und generell klassische Musik die neurale Entwicklung von herumtollenden Säuglingen begünstigt, konnte die Studie dabei nur teilweise beantworten. Unklar ist vor allem geblieben, welche anderen Faktoren sich auf das untersuchte Musiktraining auswirkten – wie zum Beispiel ein überdurchschnittliches Gehör – und wie diese schlussendlich das Ergebnis der Studie mitbeinflussten.

Lassmann, erklärt sich diesen Umstand im Zuge derartiger Studien folgendermaßen: „Es ist schwierig, eine gewisse körperliche Veranlagung von der Außeneinwirkung durch die Studie auseinanderzudividieren. Außerdem kommt hinzu, dass es auch musikalischere und unmusikalischere Familien gibt – das ist ebenfalls ein Faktor, der von Anfang an mitspielt und die Babys prägt“, so Lassmann.

  • Kinder können nicht "zu früh" mit Musik konfrontiert und dadurch überfordert werden, ist Experte Lassmann überzeugt.
  • Kopfhörer zwischendurch abnehmen und Ruhephasen einhalten, gehört auch dazu.
  • Manche fangen mit dem Walzer schon im Mutterbauch an. Früh übt sich ...

Dass der kleine Wolfgang Amadeus bereits im Mutterleib durch den Beruf seines Vaters, dem Hofkompositeur Leopold Mozart, mit klassischer Musik ausgiebig beschallt wurde, darf man annehmen. Die häufige Empfehlung, bereits während der Schwangerschaft dem noch ungeborenen Kind klassische Musik vorzuspielen, hat letzteres Genre wohl ihrem abwechslungsreichen harmonischen Aufbau zu verdanken.

Laut Lassmann ist es zwar nicht generalisierbar, welche Art von Musik besonders für musikalische Spielbegleitung geeignet ist – die Empfehlung dafür, klassische Musik zu verwenden, erklärt er folgendermaßen: „Im Gegensatz zu Schlager- und Volksmusik oder auch simplem Vorsingen ist die Komplexität von klassischer Musik in der Regel schon um einiges höher und anregender.“

Emotional klingt besser

Dass ein gekrächztes „Guten Abend, gute Nacht“ aus dem Elternmund nicht dieselbe Wirkung wie der Donauwalzer haben soll, ist zwar schon ein klein wenig traurig, aber umsonst muss das Singen trotzdem nicht sein. „Die wesentlichste Komponente für kognitives Lernen ist die emotionale Aktivierung. Das heißt, dass das Speichern von Inhalten durch Emotionalität massiv gefördert und begünstigt wird“, erklärt Hans Lassmann. Dies funktioniere im positiven wie im negativen Sinne, auch negative emotionale Komponenten blieben in unserem Gehirn sehr stark verankert.

Beschallung von Babys kann also nicht nur für mehr Spaß beim Spielen sorgen, sondern auch darüber hinaus pädagogisch wertvoll sein – so lange man es nicht übertreibe, merkt Lassmann an. „Lange hat es die Tendenz gegeben, dass man die ‚armen’ Kinder nicht zu früh musikalisch überfordern wollte. Diese Angst halte ich für unbegründet und den Ansatz daher für falsch“, betont der Experte.

Je früher man mit intensivem Training beginnt, desto besser ist das für die Hirnentwicklung, so Lassmann. „Das hat aber natürlich nichts mit dressierten Kindern zu tun, die mit Informationen nur so vollgestopft werden“, gibt der Neurowissenschaftler zu bedenken, „es muss die Möglichkeit geben, Ruhephasen zu haben. In diesen müssen die Informationen verarbeitet werden können. Wie überall ist auch hier die Balance entscheidend.“

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