Was bedeutet Schwerhörigkeit für Angehörige?

Wenn Menschen schwerhörig werden, muss sich das ganze Umfeld auf die neue Situation einstellen. Dass das nicht nur Betroffene, sondern auch die Angehörigen belastet, hat eine Studie nun untermauert.

Wer unter Schwerhörigkeit leidet, muss sich mit vielen neuen Herausforderungen auseinandersetzen: Die Kommunikation mit der der Familie wird schwieriger, Familienfeste werden zur Qual und der Fernseher wird langsam immer lauter gestellt. Das fehlende Hörvermögen kann durch die zunehmende soziale Isolation sogar depressiv machen. Für die Angehörigen bedeutet das häufig eine große Umstellung und stärkere Rücksichtnahme. Das kann auf beiden Seiten an den Nerven zehren.

Hohes Konfliktpotenzial durch Missverständnisse

Die Forscher um Vanessa Van von der Universität Nottingham haben nun auch Angehörige befragt, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Dabei zeigte sich, wie schwer die Kommunikation in Alltag fällt und dass diese Barriere zu Entfremdung führen kann. Gerade für Paare zeigten sich immer wieder Momente der Frustration. Obwohl sie wissen, dass ihr Partner oder ihre Partnerin unter der Schwerhörigkeit leidet, können Missverständnisse immer wieder Ärger oder Wut auslösen. Gerade wenn sich die Betroffenen weigern, ihre Hörgeräte zu tragen oder überhaupt eine Behandlung zuzulassen, stieg die Verzweiflung der Angehörigen so weit, dass sie sogar eine Trennung in Erwägung zogen.

  • Bei Angehörigen ist oft Geduld gefragt.
  • Eine Schwerhörigkeit ist für alle Beteiligten eine Herausforderung.
  • Angehörige und Betroffene sollten verständnisvoll miteinander umgehen.

Auch die Psychotherapeutin Stephanie Häfele-Hausmann kann die Probleme aus der Praxis bestätigen: „Für beide Seiten ist die Situation schwierig. Die Kommunikation wird aufwendiger, so muss zu Beispiel manches wiederholt werden und damit steigt auch die Unzufriedenheit beiderseits. Viele Betroffene sagen manchmal aus guten Gründen auch nicht, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Als Partner muss man sichergehen, dass Menschen mit Hörminderung zum Beispiel Blickkontakt halten, um wirklich verstehen zu können. Das kann für alle Beteiligten sehr anstrengend sein.“

Informieren und gemeinsam Lösungen finden

Der neuen Studie aus Großbritannien zufolge versuchen viele, die zunehmende Schwerhörigkeit ihres Angehörigen auszugleichen, indem sie kommunikative Aufgaben wie das Telefonieren übernehmen. Radio und TV werden sehr laut gestellt, obwohl sie eigentlich noch gut hören. Das stetige Wiederholen von Gesprächsinhalten führe zudem dazu, dass die Kommunikation schneller aufgegeben wird. Ohne Behandlung oder funktionierendes Hörgerät kann das die Beziehung sehr belasten. Es muss ein neues Verständnis geschaffen werden, damit sich die Betroffenen nicht entfremden und damit möglicherweise weniger wertschätzen.

„Das Wichtigste ist, dass sich Angehörige informieren und sich auch mit anderen austauschen, die in der gleichen Situation sind“, empfiehlt Stephanie Häfele-Hausmann. „So können sie sich mit auftretenden Problemen besser auseinandersetzen. Je nachdem, ob die Schwerhörigkeit ganz plötzlich, oder langsam und schleppend aufgetreten ist, müssen sich die Angehörigen auch immer wieder neu auf die Betroffenen einstellen. Natürlich kommt es dann auch zu Frustrationen und sie können den Eindruck haben, die Betroffenen hören nur, was sie hören wollen. Deshalb sollte man die Situation gemeinsam und mit Verständnis füreinander angehen.“

Hörgeräte können Konflikte verhindern

Dabei ist Geduld und Verständnis für die Bedürfnisse auf beiden Seiten gefragt. Der erste Schritt dazu ist der Besuch beim Ohrenarzt. Der nächste Schritt ist die Versorgung mit den richtigen Hörgeräten und vor allem das regelmäßige Tragen, um die Kommunikation zu erleichtern. Gegenseitige Unterstützung in der neuen Situation kann auch bei einer gemeinsamen Therapie geschaffen werden, wenn der Hörverlust zu stark zum Problem wird.

Und was als Überzeugungshilfe möglicherweise hilft: Die neue Studie bestätigt auch, dass das Leben mit Hörgeräten die Probleme der Betroffenen deutlich minderte und vor allem zwischenmenschlichen Konflikten aktiv entgegenwirkte.