Das Ohr macht die Musik

Auch wenn die Form der Ohren mit großer Wahrscheinlichkeit nichts über den Charakter eines Menschen aussagt, so nimmt sie dennoch Einfluss darauf, was und wie wir hören.

Lügen haben kurze Beine, Lügner allerdings eine lange Nase. Wer nach Sprichwörtern lebt und der Geschichte Pinocchios immer noch genügend Glauben schenkt, hat beim Gedanken an einen Lügner wohl einen kurzbeinigen, langnasigen Menschen vor sich. Ob sich anhand der Form verschiedener Körperteile allerdings wirklich Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen ableiten lassen, ist kaum zu belegen. Mit etwas mehr Sicherheit kann jedoch behauptet werden, dass sich die Form der Ohren, ähnlich wie die Nase, im Laufe des Lebens verändert. Das hat allerdings weder mit der Anzahl der abgesetzten Lügen etwas zu tun, noch ist davon auszugehen, dass sich das kreative Potenzial eines Menschen mit zunehmendem Alter und wachsenden Ohren ausdehnt. Glaubt man einschlägigen Websites, besitzen kreative Menschen nämlich merklich größere Hörorgane als andere. Die Liste dieser scheinbaren Zusammenhänge zwischen der Form bestimmter Körperteile und besonderen Charaktereigenschaften ließe sich wohl noch beliebig fortführen.

Die Position eines Geräuschs heraushören

Die Form der Ohren sagt also nichts über den Charakter eines Menschen aus, nimmt jedoch deutlichen Einfluss darauf, was und wie man hört. Dies belegt eine Studie, die an der University of Montreal durchgeführt wurde und deutlich macht, dass eine veränderte Ohrenform mit eindeutigen Veränderungen des Hörvermögens einhergeht. Im ersten Teil des Experiments ging es darum, ein bestimmtes Geräusch korrekt zu orten, vor allem die räumliche Höhe und Tiefe der Tonabfolge richtig einzuschätzen.

Im Gegensatz zur horizontalen Verortung von Geräuschen, wurde die vertikale nämlich noch kaum erforscht. Nach Abschluss des ersten Abschnitts wurden kleine Silikoneinsätze in die Ohrmuscheln aller Studienteilnehmer gesetzt, welche die Oberflächenstruktur ihrer Hörorgane entscheidend veränderten. Obwohl die Aufgabe aus dem ersten Durchgang dann nur noch wiederholt wurde, es also wieder darum ging, die Position eines Geräusches entlang einer vertikalen Linie zu bestimmen, hatten die Studienteilnehmer nun merklich Probleme zu erkennen, ob ein Geräusch weiter oben oder weiter unten seinen Ausgang verlassen hatte.

  • Es ist unwahrscheinlich, dass die Ohrenform etwas über den Charakter eines Menschen verrät.
  • Im Gegensatz zur horizontalen Verortung von Geräuschen, ist die vertikale noch kaum erforscht.
  • Wie Geräusche wahrgenommen werden, hängt auch von der Form der Ohren ab.

Das Anpassungsvermögen ist entscheidend

Die Silikonteile blieben nach Abschluss dieser ersten beiden Teile in den Ohren der Studienteilnehmer und wurden eine Woche lang von ihnen getragen. Nach dieser Woche führte das Forscherteam das Experiment fort – mit einer weiteren Wiederholung der bereits zwei Mal durchgeführten Aufgabenstellung. In der dritten Runde schnitten die Teilnehmerinnen wieder deutlich besser ab. Ihre Gehirne schienen sich also mit der neuen Oberflächenstruktur der Ohren abgefunden und arrangiert zu haben.

Glücklicherweise präsentiert sich das Gehirn als äußerst flexibles Organ, das mit einer großen Plastizität ausgestattet wurde – also die Fähigkeit besitzt, sich immer wieder aufs Neue an Veränderungen der Lebensumstände anzupassen. Die Fähigkeit, ein Geräusch entlang einer vertikalen Achse richtig zu orten, funktioniert also nur dann, wenn das Gehirn mit der Form der eigenen Ohren vertraut ist.

Veränderungen können zu Chaos führen

Durch diese Studie gelang es den Forschern und Forscherinnen einen größeren Einblick in die Arbeitsweise des Gehirns in Bezug auf Geräusche zu gewinnen. Wie sich im Zuge der Untersuchungen herausstellte, wird eine bestimmte Gruppe von Neuronen in unserem Gehirn nämlich in Abhängigkeit davon aktiv, wie weit unten oder oben eine Geräuschquelle im Verhältnis zum eigenen Kopf positioniert ist. Getestet wurde das mithilfe eines fMRT-Scans, einer Weiterentwicklung der Magnetresonanztherapie. Als die Studienteilnehmer zum ersten Mal mit den Silikoneinsätzen in den Ohren zum Test gebeten wurden, konnte auch beobachtet werden, dass sich bei den fürs Hören zuständigen Neuronen plötzlich Chaos ausbreitete.

Bezogen auf das Studienergebnis bedeutet das, dass zur Verortung eines Geräuschs nicht nur die Geräuschwellen selbst wichtig sind, sondern es ebenso entscheidend ist zu wissen, wie die eigenen Ohren geformt sind. Auch wenn dieses Wissen nur unbewusst generiert wird. Wer große Ohren hat, muss daher kein besonders kreativer Lügner sein, sondern hört möglicherweise die kreativen Lügen eines anderen Menschen nur ein wenig anders.