Der Geräuschemacher

Jeder Schritt, jedes Quietschen – alle Geräusche in Film und Fernsehen sind eigentlich eine akustische Täuschung. Denn sie werden nachvertont – von Geräuschemachern wie Nils Kirchhoff. Ein “Lauschangriff” im Tonstudio.

Ruhe, bitte! Das rote Licht vor dem “Silent Room” leuchtet. Ein Mann im schwarzen T-Shirt setzt seinen linken Fuß nach vorne und nimmt eine dynamische, gebückte Haltung ein. Fokussiert blickt er durch seine schwarze Brille auf den Bildschirm. Die Körperspannung stimmt. Wie vor einem Marathon – einem Marathon voller Geräusche, der in Kürze folgen wird.

Nils Kirchhoff arbeitet seit rund zehn Jahren als Geräuschemacher (engl. “Foley Artist”). Er lässt Blätter rascheln oder Bienen summen. Er lässt Delfine schwimmen oder Fahrräder fahren. Geräusch für Geräusch wird von ihm nachvertont. Das ist in Filmen und TV-Serien so üblich – schon länger. So ließ etwa bereits Hitchcock einst die berühmten Krähen im Psychothriller “Die Vögel” besonders gruselig klingen.

Schrittweise zum perfekten Ton

An diesem Tag steht eine TV-Doku auf dem Programm, die Nils Kirchhoff in einem Wiener Tonstudio “akustisch verhübschen” wird, wie er es nennt. “Mach mir bitte ein paar Schritte!”, gibt die Stimme aus dem “Off” erste Anweisungen. Es ist die Tonmeisterin, die einen Raum weiter sitzt. Nils wühlt kurz in einem Koffer und greift entschlossen zu einem etwas festerem Schuhwerk. Er schlüpft hinein, nimmt einen Pinsel in die Hand und streicht ein bisschen Sand auf die Betonplatte am Boden. Dann heißt es: Ton läuft! Oder besser gesagt: Abmarsch!

Die Filmsequenz flimmert über den Bildschirm. Ein Schritt links, ein Schritt rechts, links, rechts … – Nils’ Hände bewegen sich im Takt mit. Schritt für Schritt bewegt er sich in Richtung des perfekten Tones. Zwischendurch gleicht das einem tonalen Balanceakt – eine sichtbar schweißtreibende Angelegenheit.

Nils ist ein bisschen außer Atem. Aber lautes Atmen ist verboten, um die Aufnahme möglichst nicht zu stören. Also kurz durchschnaufen und die ersten 30 Sekunden gleich nochmal von vorne – aber diesmal mit Stöckelschuhen. Schließlich geht im Hintergrund der TV-Doku auch eine Frau durchs Bild. “Waren die Schritte zu dreckig?”, fragt Nils nach der Sequenz übers Mikro. “Nein, klingt gut.”

  • Der gebürtige Deutsche Nils Kirchhoff ist passionierter Geräuschemacher von Beruf.
  • Die Filmsequenz läuft – und mit alten Tonbändern und Säcken simuliert der das Rascheln der Blätter.
  • Nils Kirchhoff hat die Qual der Wahl, umfasst sein Sammlung doch bereits Hunderte Utensilien.

Immer auf der Suche nach dem perfekten Geräusch

Das Studio ist Nils zweites Wohnzimmer – eines, das chaotischer nicht sein könnte. Auf wenigen Quadratmetern stehen etliche Kisten mit hunderten Utensilien herum. Wie am Flohmarkt. “Es ist gut, wenn man nicht zu ordentlich ist”, sagt Nils und schmunzelt, “das regt die Kreativität beim Geräuschemachen an”. Hier ein alter Stoff, dort ein klimperndes Metall. Hier ein Zauberwürfel, dort ein Matchboxauto. Und alles klingt nach etwas Bestimmtem. “Ich sammle gerne Dinge und kann nichts wegschmeißen”, gesteht der gebürtige Deutsche sein kleines berufsbedingtes “Messie-Syndrom”.

In seinem Alltag ist Nils Kirchhoff immer auf der Suche nach neuen Assoziationen und dem perfekten Geräusch. “Ich gehe mit offenen Ohren durchs Leben”, sagt der 36-Jährige, “ich genieße es, wenn ich zum Beispiel ein schönes Naturgeräusch höre. Und ich denke oft darüber nach, wie ich ein Geräusch am besten nachbilden kann.” So ist das Metallgerüst eines Regenschirmes mit einer montierten Klingel etwa der ideale Tongeber für ein klapperndes Fahrrad.

Ein Geräusch ist mehr als die Summe der einzelnen Töne

Aber nicht immer sei es so einfach, sagt Nils, der sich die Filme vorher meistens genauer ansieht, bevor er in die akustische Scheinwelt eintaucht. “Oft muss ein Geräusch zuerst in Einzelteile zerlegt werden”, erklärt der Soundexperte. Wie zum Beispiel das Fahren einer Pferdekutsche: Die Einzelgeräusche werden im Studio aufgenommen, gemischt werden sie dann am Computer. “Es ist wie beim Kochen. Aus verschiedenen Zutaten wird ein kulinarisches Gesamtkunstwerk, das gut schmeckt”, sagt der “Koch der guten Töne”.

Aber warum eigentlich das Ganze? “Bei Filmen stehen meistens die Dialoge im Fokus und nicht die Umgebungsgeräusche. Vor allem für internationale Produktionen muss der Originalton deshalb oft komplett nachproduziert werden”, erklärt Nils, der unter anderem für die TV-Krimireihe “Tatort” gearbeitet hat.

Mit Tönen hat er als Hobbymusiker seit jeher eine besondere Verbundenheit: “Mich fasziniert vor allem die Synchronität von Geräusch und Bild.” Gelernt hat der Wahlwiener das Geräuschemachen in der Praxis – es sei eine Sache der Übung und Begabung, wie der ausgebildete Tonmeister sagt. “Musik im Blut, Timing und Rhythmus schaden nicht – genauso wie ein gutes Gehört”, umschreibt Nils die wichtigsten Fähigkeiten.

“Wir machen Geräusche schöner. Und wir erzählen mit unseren Geräuschen Geschichten”, schwärmt Nils von der Faszination des Geräuschemachens. “Kein Zuschauer erwartet, dass die Geräusche im Film nachgemacht sind.” Und genau darin liegt er, der besondere Reiz, den das Geräuschemachen fürs Nils Kirchhoff so schön macht: “Es ist eine Kunst im Verborgenen.”

Dieser Artikel wurde verfasst von Thomas Huber