Der Lenz ist Musik in unseren Ohren

Der Frühling weckt die Natur hörbar aus dem Tiefschlaf. Nicht nur die Vögel wollen sich die Kälte aus der Seele singen, die blühende Jahreszeit verstärkt die Schöpferkraft und etliche Volkslieder loben den Lenz in all seinen Facetten.

Die Natur war schon immer Inspirationsquelle von Künstlern – gerade wenn es draußen endlich wärmer wird, gibt es Schönheit im Überfluss, die gepriesen werden will. Antonio Vivaldi schuf das Konzert „La Primavera“ aus „Le quattro Staggioni“. Auch Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert ließen sich von der (Frühlings-)Muse küssen.

Im deutschen Sprachraum wurden besonders viele Volkslieder zum Thema Frühling verfasst. Das deutsche Volksliederarchiv verzeichnet dazu mehr als 150 Lieder, die sich um die Verabschiedung des Winters und die Begrüßung der neuen Jahreszeit drehen. „In unseren Breitengraden sind die Jahreszeiten deutlich wahrzunehmen, was hier die Gattung zum Florieren brachte“, weiß der Experte Michael Zachcial, Betreiber des Archives.

Romantische Volkslieder

Die Volkslieder haben ähnliche Motive: Es geht um Gefühle, die Schönheit der Natur oder das Klingen der zahlreichen Vogelstimmen. Bereits im 13. Jahrhundert wurden Frühlingslieder gedichtet, wie zum Beispiel der eher unbekannte Tanzreigen „Maienzeit bannet Leid“, der aus dieser Zeit stammt.

Ihre Hochphase erlebten die Frühlingslieder aber wohl in der Romantik: Im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert zeigten sich die Poeten besonders empfänglich gegenüber der wilden Schönheit von Flora und Fauna. In der Zeit der aufkommenden Industrialisierung wandten sich Künstler der Natur zu, um sich vom gegenwärtigen gesellschaftlichen Geschehen abzugrenzen und die Fantasie zum obersten Prinzip zu erklären.

Michael Zachcial, Betreiber des Volksliederarchives, weiß: „Der Frühling inspirierte die Menschheit wohl schon immer. Aber besonders in der Romantik fanden dann bereits bestehende, mündlich überlieferte Gedichte großen Anklang und wurden aufgeschrieben oder Melodien zu älteren Texten komponiert.“

  • Die aufblühende Natur beflügelt auch die Fantasie.
  • Kompositionen über den Frühling werden seit Jahrhunderten geschrieben.
  • Im Frühjahr gibt es zahlreiche Volksfeste, bei denen traditionelle wie moderne Lieder auf den Frühling erklingen.

Frühlingsgefühle im Mai

Eine entscheidende Motivation zum Dichten und Singen sind wohl die berühmten Frühlingsgefühle. Die Paarungsrituale der Tiere und die beflügelte Gefühle der Dichter waren häufig Anlass zu komponieren. Mal hochromantisch und direkt an die Angebetete gerichtet, mal dem Monat Mai gewidmet: „Alles neu macht der Mai“, so heißt es in einem bekannten Volkslied, „Schöner Mai, holder Mai – Winters Herrschaft ist vorbei“ in einem anderen.

Der Mai ist besonders häufig Motiv der traditionellen Frühlingslieder – nach dem manchmal noch sehr kühlen und unbeständigen Wetter im April ist er der Frühlingsmonat schlechthin. Anlässe zum Singen der Volkslieder gibt es auch genug: Frühjahrsfeste, wie zum Beispiel der in Österreich und Bayern verbreitete Brauch des Maibaumaufstellens, sind häufig.

Alles liebt und paart sich wieder


Liebend steigt der Lenz hernieder


Und umarmt die junge Flur


Mild erteilt er seine Triebe


Mit dem Zauberblick der Liebe


Jedem Wesen der Natur

(Wilhelm Gottlieb Becker – 1782)

Politische Taustimmung

„Die Volkslieder beschäftigen sich nicht nur mit der Jahreszeit Frühling. Es wurden auch etliche Texte, die den politischen Frühling – also eine Phase des Umbruches oder Neuanfangs – behandeln, verfasst. Der Winter als Zeit der Unterdrückung ist nun vorbei“, so Zachcial, der mit seiner Band auch selbst folklorisches Liedgut interpretiert.
Das berühmte Kinder- und Frühlingslied „Auf einem Baum ein Kuckuck“, das 1838  aufgeschrieben wurde, ist in diesem Kontext zu verstehen: So symbolisiere der Kuckuck möglicherweise die Freiheit und den Widerstand, der Jäger verkörpere den absolutistischen Herrscher, der die Bestrebungen unterdrücken möchte, doch der Freiheitswunsch komme immer wieder – wie der Frühling eben, erklärt der Experte.

Wer sind Lenz, Flur und Hain?

Viele der im Volkslied beinhalten Begriffe sind heute nicht mehr aktiv im Sprachgebrauch. Der oft verehrte „Lenz“ beispielsweise ist – das wissen die meisten – eine poetische Bezeichnung für das Frühjahr. Dann beginnt allerdings schnell das Fachvokabular: Die „Flur“ ist in ihrer alten Bedeutung ein Synonym für das Gelände an sich – speziell das offene, landwirtschaftlich genutzte Land –, während mit dem „Hain“ meistens ein kleines Wäldchen gemeint ist.

Damals wie heute: So lange es Jahreszeiten gibt, wird deren Wechsel, und hier besonders der auf den Lenz, wohl Musik in den Ohren der Menschen sein. Ein Hörtest beim HNO-Arzt bringt schnell und unkompliziert Gewissheit darüber, ob man auch alles hört, was der Frühling zu bieten hat.

Wie sich der Frühling anhört