Sind Diabetiker anfälliger für Hörverlust?

Unbehandelter Diabetes kann über längere Zeit Folgeschäden im Körper auslösen. Davon können auch die Ohren betroffen sein.

Diabetes ist eine Volkskrankheit, dennoch wissen nur die wenigsten Genaueres über die Stoffwechselerkrankung. Laut der Internationalen Diabetes Vereinigung leben weltweit 387 Millionen Menschen mit Diabetes Mellitus, im Volksmund auch Zuckerkrankheit genannt. In Österreich sind es rund 650 000 Menschen – und die Fälle nehmen zu. Darauf will auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufmerksam machen. „In der Europäischen Region der WHO muss die Bekämpfung von Diabetes wieder einen neuen Stellenwert erhalten, damit eines der Ziele des Europäischen Rahmenkonzeptes ‚Gesundheit 2020‘ erreicht werden kann: die Reduzierung der vorzeitigen Mortalität aufgrund nichtübertragbarer Krankheiten um jährlich 1,5 Prozent bis 2020“, heißt es in einer Aussendung.

Diabetes kann gefährliche Folgeerkrankungen verursachen, die im schlimmsten Fall tödlich enden. Betroffen sind neben den großen Gefäßen (Herz) auch die kleinen, wie sie beispielsweise in den Ohren zu finden sind. Hörverschlechterung bis hin zum Hörverlust ist eine bisher wenig beachtete Komplikation, obwohl bereits mehrere Analysen gezeigt haben, dass Diabetes das Risiko erhöht.

Was ist Diabetes?

Diabetes ist eine chronische Störung des Stoffwechsels. Dabei unterscheidet man im Wesentlichen zwei Formen: Typ-1 ist eine Autoimmunerkrankung, von der meist junge Menschen betroffen sind. Typ-2 entsteht – meist durch genetische Veranlagung begünstigt – durch einen Mix aus schlechter Ernährung und wenig Bewegung.

Die beiden Erkrankungen unterscheiden sich zwar in Ursache und Krankheitsverlauf, haben aber ein gemeinsames Problem mit dem Hormon Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und für den Transport von Glukose in die Zellen zuständig ist. Funktioniert dies nicht, kommt es zu hohem Blutzucker. Bei Typ-1 zerstört das eigene Immunsystem die Insulin produzierenden Zellen des Körpers. Bei Typ-2 Diabetes sprechen die Zellen aufgrund erhöhten Körperfettanteils immer weniger auf das Insulin an und Glukose staut sich in der Blutbahn.

Wieso Spätfolgen?

Durch lang andauernden, erhöhten Blutzuckerspiegel verändern sich die Wände der Blutgefäße, die Arterien werden durch Verkalkung stark verengt oder verschlossen. Davon sind die großen Gefäße betroffen, was zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann. Aber auch die kleinen Gefäße können auf Dauer geschädigt werden. Neben der diabetischen Retinopathie (Gesichtsfeldverlust durch Schädigung an der Netzhaut), der diabetischen Neuropathie (Nervenkomplikation) und der diabetischen Nephropathie (Nierenkompliaktion) gibt es auch die sogenannte diabetische Cochleopathie, die das Innenohr betrifft.

Zwar ist letztere noch nicht unter den Spätfolgen im Leitfaden der WHO zu finden. Doch bereits mehrere Forschungsergebnisse weisen auf einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und Diabetes hin. Zuletzt zeigte eine Studie des Nationalen Gesundheitsinstituts der USA – veröffentlicht im Jahr 2008 im Annals of Internal Medicine –, dass die Wahrscheinlichkeit für Hörverlust bei Diabetespatienten sogar doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt ist. Die Studie umfasst 5.140 Teilnehmer zwischen 20 und 96 Jahren, fast jeder Zehnte davon ist Diabetiker. Unter den Erkrankten besteht bei 21 Prozent auch ein gemindertes Hörvermögen in den niedrigen bis mittleren Frequenzen. Bei den Nichtdiabetikern sind es hingegen nur 9 Prozent. 54 Prozent der Diabetiker haben auch Schwierigkeiten hochfrequente Töne zu hören, was nur bei 32 Prozent der Nichtdiabetiker zutrifft.

  • Ausbaufähig: Das Bewusstein dafür, dass Diabetes einen Risikofaktor für Hörverlust darstellt.
  • Internist Dr. Christian Schelkshorn (Bild: Terry Linke)
  • In der Anamnese sollte Diabetes als Ursache für Hörminderungen mitgedacht werden.

Die Thematik weist durchaus Evidenz auf, sind sich auch hiesige Experten einig. „Aus dem medizinisch-pathophysiologischen Blickwinkel betrachtet, ist es natürlich vollkommen verständlich, dass sich auch in diesem Bereich diabetische Folgeerkrankungen manifestieren können“, so Christian Schelkshorn, Diabetes-Spezialist und Leiter der I. Medizinische Abteilung im Krankenhaus Stockerau. Es sei daher ein zu berücksichtigender Punkt bei der Anamnese-Erhebung eines Diabetes-Patienten oder einer Diabetes-Patientin. Allerdings „hat die Verbindung von Diabetes und Hörverlust bei uns im klinischen Alltag noch kein sehr ausgeprägtes Bewusstsein erfahren“, so der Internist.

Das könnte daran liegen, dass ein tatsächlicher, direkter Zusammenhang oft schwierig herzustellen ist, erklärt die Grazer HNO-Fachärztin Ulrike Nemetz: „Es handelt sich hierbei um schleichende Prozesse. Daher ist es oft schwer zu beurteilen, ob die Ursache für das schlechte Hörvermögen wirklich der Diabetes ist oder ob die Person beispielsweise ein Leben lang Lärm ausgesetzt war – auch weil die Betroffenen meist ältere Leute sind.“ Altersverursachter Hörverlust ging auch bei genannter Studie nicht in die Ergebnisse mit ein. Aber Nemetz bestätigt: „Wenn es zu Schädigungen oder Verengungen der Gefäße im Kopf kommt, kann es auch zu Minderdurchblutung in den Ohren kommen. Das kann in Folge auch zu Hörminderungen führen.“ Auch, weil das Hörorgan immer die „letzte Wiese der Versorgung“ sei.

Diabetes-Patienten haben außerdem grundsätzlich ein höheres Infektrisiko, so die Expertin. Diabetes sei nicht die Hauptursache für Hörminderungen. „Dennoch sollte man diese Möglichkeit immer bedenken“, so Nemetz. Eine allgemeine Empfehlung für regelmäßige Hörtests für Diabetiker gibt es nicht. Aufgrund der möglichen negativen Folgen eines unbehandelten Hörverlusts für die Lebensqualität eines Menschen kann dies aber routinemäßig von Patienten und ihren Ärzten angesprochen werden. Das Ziel sollte grundsätzlich immer sein, den Blutzucker gut einzustellen.

Früherkennung

Durch eine Früherkennung und rechtzeitige Behandlung können die Spätfolgen bei beiden Diabetes-Formen verringert werden. Bei Typ-2 Diabetes lässt sich im Frühstadium der Blutzucker oft sogar durch einen gesunden Lebensstil und Gewichtsreduktion normalisieren. Ansonsten sind die medikamentösen Therapeutika flächendeckend verfügbar und auch die Forschung führt zu immer gezielteren Therapiemöglichkeiten. Weitere Informationen zur Erkrankung und alle wichtigen Kontaktstellen sind auf der Homepage der Österreichischen Diabetesgesellschaft zu finden.