Diagnostik des Morbus Meniere

Ein Fachartikel von Univ. Doz. Dr. med. Dr. Antonius Kierner, MAS – HNO-Facharzt

Der Morbus Meniere ist eine Erkrankung des Innenohres, welche sich im Vollbild durch heftige Drehschwindelanfälle, tieffrequenten Tinnitus, tieftonbetonte Hörminderung und Völlegefühl im betroffenen Ohr äußert. Häufiger treten jedoch nur zwei bis drei dieser Symptome zeitgleich auf, selten alle vier. Dies macht es insbesondere dem Erstuntersucher zweifellos schwer, sogleich die Verdachtsdiagnose Meniere zu stellen und hat wohl auch zu der tradierten Aussage, der M. Meniere sei eine Ausschlussdiagnose geführt. Leider wird daraus in der Praxis oft ein diagnostischer – und schlimmer noch – therapeutischer Nihilismus abgeleitet, der weder dem Patienten noch dem Arzt dienlich ist. Die eben genannten Charakteristika im klinischen Bild des M. Meniere verdeutlichen die zentrale Stellung einer klaren und gezielten Anamnese. Noch vor jeder apparativen Diagnostik oder gar Intervention muss eine strukturierte Befragung des Patienten und / oder seiner Angehörigen erfolgen. Neben den vier Kardinalsymptomen ist es auch hilfreich nach Begleitsymptomen (“Aura”) zu fragen, welche dem eigentlichen Anfall oft Stunden bis Tage vorausgehen. Typisch ist außerdem ein plötzliches Einsetzen des Drehschwindels unabhängig von körperlicher Anstrengung oder Position („Wie ein Blitz aus heiterem Himmel“).

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Strukturierte Anamnese

Zeitverlauf

Begleitsmptomatik („Aura“)

Kardinalsymptome:

  • Völlegefühl im betroffenen Ohr (“aural fullness“)
  • Tieftontebonte Hörminderung („Tieftonhörsturz“)
  • Ohrgeräusch (meist tieffrequent)
  • Drehschwindel („Wie ein Blitz aus heiterem Himmel“)

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Erhärtet sich anamnestisch und anhand des klinischen Bildes in der Akutsituation der Verdacht eines Meniereanfalls, so empfiehlt sich die unmittelbare Verabreichung von Furosemid intravenös (Furosemidtest) oder Glycerol per os (Klockhof-Test). Kommt es innerhalb von 30 bis 45 Minuten nach Medikamentenverabreichung zu einer deutlichen Abnahme der Beschwerden, so gilt eine Meniere´sche Erkrankung als sehr wahrscheinlich. Ein Beweis ist jedoch hiermit noch nicht erbracht und auch sensu stricto niemals möglich. Die oft zitierte Aussage, ein M. Meniere sei nur post mortem zu beweisen, ist insofern irreführend, als sich gezeigt hat, dass

der sogenannte endolymphatische Hydrops bei verschiedenen Innenohrerkrankungen gesehen werden kann, ja mehr noch, offenbar sogar bei Ohrgesunden vorkommt. Ist es dem Patienten zumutbar, so sollte vor und nach Furosemid- bzw. Glycerolgabe eine Reintonaudiometrie durchgeführt werden, welche im Idealfalle posttherapeutisch einen Anstieg des Hörvermögens am betroffenen Ohr um mindestens 10 dB in mindestens 3 Frequenzen zeigt. Eine pantonale, mittel- bis hochgradige Schallempfingsschwerhörigkeit kann zwar ebenfalls beobachtet werden, sie ist jedoch typisch für ein spätes Krankheitsstadium, in welchem die Diagnose üblicherweise bereits richtig gestellt wurde und die Schwindelbeschwerden meist nicht mehr im Vordergrund stehen sondern eher der Tinnitus als Zeichen des irreversiblen Innenohrschadens. Hier ist ein Ansprechen bei den obengenannten Tests nicht mehr zu erwarten. Das in allen Lehrbüchern eindrücklich geschilderte Umschlagen des Nystagmus kann zwar meist beobachtet werden, eignet sich aber nicht zur Sicherung der Verdachtsdiagnose, da dieses Phänomen auch bei zentralen Schwindelformen beobachtet werden kann.

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Furosemidtest (40-80mg als Bolus i.v.)

Glyceroltest nach Klockhof (1,5ml Glycerol/kg KG p.o.)

Reintonaudiometrie (Anstieg mind. 10 dB in mind. 3 Frequenzen)

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Die nicht selten, vor allem am Beginn der Erkrankung, erhebliche Dauer der anfallsfreien Intervalle, in denen objektivierbare Symptome meist vollständig fehlen, erschwert die Diagnosestellung zusätzlich. Dies mündet verständlicherweise in dem – oft verzweifelten – Versuch, die vermutete Pathologie mithilfe möglichst einfach zu messender und reproduzierbarer Werte abzubilden und damit zu fassen. Die Elektrocochleographie, die Ableitung otoakustischer Emissionen (OAE) aber auch die Hirnstammaudiometrie (BERA) wurden immer wieder als objektive Diagnoseverfahren bei M. Meniere ins Treffen geführt und mögen im Einzelfall durchaus hilfreich sein, mangels ausreichend fundierter Studien insbesondere hinsichtlich der Normwerte, sind die so erzielten Ergebnisse aber stets kritisch zu interpretieren. Ähnliches gilt zumindest bis dato für die bildgebende Diagnostik, welche weder im Akutstadium noch im Intervall zur Diagnosesicherung beitragen kann. Es gibt zwar Berichte, dass der endolymphatische Hydrops in der Magnetresonanztomographie mithilfe modernster Techniken darstellbar ist, der Weg in die breite klinische Anwendung dürfte jedoch noch weit sein. Schichtbildgebende Verfahren und hier insbesondere die MRT sind aber zweifellos im Rahmen der Abklärung sinnvoll (wenn auch nicht vordringlich) und jedenfalls vor jedweder Intervention als zwingend anzusehen.

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cMRT mit Berücksichtigung des Kleinhirnbrückenwinkels vor jeder Intervention zwingend

ev. Felsenbein-CT

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Der M. Meniere ist somit eine Erkrankung, welche nicht nur bei der Diagnosefindung Probleme machen kann, sondern vielmehr ein Symptomenkomplex, bei dem die Therapie an das jeweilige Stadium angepasst werden sollte, was zweifellos noch weitaus profundere Kenntnis des gesamten Zustandsbildes erfordert. Schlüssel hierzu kann nur eine intensive Auseinandersetzung mit dem Betroffenen sein, welche sich im Zeitverlauf differenziert des beschriebenen Armamentariums bedient.