Farben hören, Töne schmecken

Ein grüner Apfel, der gelb schmeckt – das gibt es tatsächlich. Synästhesie nennt sich die Koppelung verschiedener Sinne. Wie sich dieses seltene Phänomen auswirkt und wer davon betroffen ist.

Sie sehen eine rote Ampel – und hören eine schrille Klarinette. Sie hören den Gesang eines Kirchenchors – und empfinden ihn als strahlend blau. Synästhetiker erleben die Welt anders als der Großteil der Bevölkerung. In der Wissenschaft wird das Phänomen als Reizempfindung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen beschrieben – so das Synästhesie-Lexikon.

Durch Erleben eines bestimmten Reizes wird also automatisch ein völlig anderer Sinneseindruck ausgelöst. Laut Neurologen handelt es sich dabei um keine Krankheit, sondern vielmehr um eine besondere Fähigkeit. Und über diese Fähigkeit wissen wir noch viel zu wenig.

Denn es gibt eine Vielzahl verschiedener Formen von Synästhesie. So können Verknüpfungen zwischen allen Sinnen – also Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen – und deren Wahrnehmung auftreten. Meist sind zwei Sinne miteinander gekoppelt, doch es können auch mehrere sein.

Wer ist von Synästhesie betroffen?

Laut der Medizinischen Hochschule Hannover sind rund fünf Prozent der Normalbevölkerung von Synästhesie betroffen. Sie würden diese Vermischungen der Sinnesqualitäten als normal und oft konstant von Kindesalter an erleben. Andere Studien wiederum sprechen von einer sehr viel geringeren Verbreitung dieses Phänomens.

Eine der häufigsten Formen ist die Ton-Farb-Synästhesie, wie am Beispiel der roten Ampel beschrieben. Oft sind es aber auch Buchstaben und Zahlen, die bei Betrachtung starke Empfindungen hervorrufen (graphemische Synästhesie). Dass es sich dabei tatsächlich um ein neurobiologisches Phänomen handelt, beweisen diverse Untersuchungen. So lässt sich mittels Kernspintomographie nachweisen, dass das Hören von Tönen bei Synästhetikern auch Aktivitäten im Sehzentrum auslösen kann.

  • Was sehen sie? Was hören sie? Ein Ton kann als Farbe oder als Gefühl auf der Haut wahrgenommen werden.
  • Eine rote Ampel, die klirrende Geräusche ins Bewusstsein ruft - eine Koppelung von audio-visuellen Reizen.
  • Ein grüner, knackiger Apfel: Synästhetische Wahrnehmung kann ihn auch gelb schmecken lassen. (Bild: Kristen Stacy, Flickr)

Allerdings ist zwischen der genuinen Synästhesie und der Gefühlssynästhesie zu unterscheiden, so die Deutsche Synästhesie-Gesellschaft. Die genuine Synästhesie ist angeboren und genetisch vererbbar. Ein gleichbleibender äußerer Reiz löst immer die gleiche Wahrnehmung aus. Anders die Gefühlssynästhesie: Hier werden diese Wahrnehmungen (wie zum Beispiel das Sehen von Farben) durch innere Gefühle ausgelöst und sind variabel. Auch Drogen wie LSD können vorübergehend Synästhesie-Zustände hervorrufen.

Trotz ihrer besonderen Fähigkeiten: Synästhetiker erleben auch oft Ablehnung oder Unverständnis. Denn für das Gegenüber kann es mitunter schwer sein, ein solch besonderes Phänomen nachzuvollziehen. Umgangssprachlich werden Synästhetiker übrigens auch als Synnies bezeichnet.

Synästhesie: Kreatives Potenzial

Dass Synästhesie aber viel mehr eine besondere Gabe ist, das beweisen große Künstler wie Kandinsky und Liszt. Auf eindrucksvolle Art und Weise zeigt dies auch Melissa McCracken. Als Synästhetikerin verwandle sich Musik für sie in einen Strom aus Texturen und Farben. So beschloss sie, ihre ungewöhnliche Art der Wahrnehmung zu nutzen und Musik zu malen. Mit Hits von David Bowie bis Jimi Hendrix im Ohr verwandelte sie weiße Leinwände in bunte Gemälde. Für Melissa ist Synästhesie nicht ablenkend oder verwirrend, vielmehr bringt es eine einzigartige Lebendigkeit in ihre Welt, wie sie auf Facebook erklärt.

Dabei wusste sie bis zu ihrem 15. Lebensjahr nicht, dass ihre Wahrnehmung eine besondere ist. Erst in Gesprächen mit ihrem Bruder wurden ihr diese Unterschiede bewusst. Wie Melissa könnte es wohl vielen Menschen ergehen, die zumindest eine schwache Form der Synästhesie in sich tragen. Denn so wie wir die Welt seit unserer Geburt wahrnehmen, so konstruieren wir auch unsere eigene Realität.