Süßer die Glocken nie klingen

Seit Jahrtausenden fasziniert der Klang von Glocken Menschen rund um den Erdball. Für die Herstellung der traditionsreichen Bronzekörper gewinnt die Wissenschaft eine immer größere Bedeutung. Ihrem Zauber tut dies keinen Abbruch.

„Achtung, jetzt wird es gleich laut“, sagt Peter Grassmayr. Zur Qualitätskontrolle schlägt er eine der vielen Glocken in seiner Innsbrucker Werkstatt an. Der Klang der Glocke nimmt sich als voll und warm aus. Auch der Glockengießer scheint zufrieden mit dem Ergebnis.

Die 1599 gegründete Glockengießerei zählt mittlerweile zu den europaweit führenden Herstellern von Glocken: „In über hundert Ländern läuten Glocke von uns. Aktuell liefern wir in über vierzig und an acht unterschiedliche Religionsgemeinschaften“, erzählt er. Die Gründe für den Erfolg erkennt er in den vielfältigen Forschungsaktivitäten des Unternehmens: „Wir sind kein großes Unternehmen und verfügen nicht über uneingeschränkte Ressourcen, aber wir versuchen ein Mal im Monat ein Experiment zu machen. Das heißt nicht, dass uns jedes Mal ein Riesen-Durchbruch gelingt, aber zehn kleine ergeben dann oft ein großes Ergebnis.“

Forschen für die Pummerin

Geforscht wird aber nicht nur in der eigenen Werkstatt, sondern auch in den Labors an den Universitäten. Gemeinsam mit der Fachhochschule Kempten und dem dortigen Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken hat man Verfahren entwickelt, die es ermöglichen, das Gefährdungspotenzial zu bestimmen, dass das Läuten einer Glocke für diese darstellt. Grassmayr gießt nicht nur Glocken, er wartet sie auch und bringt daher viel Erfahrung in der Handhabung und Pflege der wohlklingenden Bronzekörper mit. Seine prominenteste Kundin hierzulande ist Österreichs größte Glocke: die Pummerin im Stephansdom.

Als Resultat des Forschungsprojekts erhielt sie einen neuen, leichteren Klöppel, um die Belastung beim Läuten zu reduzieren. Während der alte Klöppel 836 Kilogramm wog, bringt nun ein „nur“ mehr 637 Kilogramm schwerer Klöppel die etwas mehr als 20 Tonnen Bronze der Pummerin zum Erklingen. Sie zählt zu den schwersten schwingend geläuteten Glocken der Welt.

  • 637 statt 836 Kilogramm wiegt der neue Klöppel der Pummerin. (Bild: Grassmayr)
  • Die von uns wahrgenommene Tonhöhe ist der Schlagton einer Glocke, insgesamt erklingen aber gleichzeitig rund 50 Teiltöne.
  • In der Werkstatt der Glockengießerei Grassmayr werden seit 1599 Glocken gegossen. (Bild: Grassmayr)

25 Tonnen Wohlklang für Bukarest

Die größte Glocke dieser Kategorie befindet sich aber noch in der Werkstatt von Johannes und Peter Grassmayr: „Sie wird den gleichen Ton wie die Pummerin haben, aber dabei fünf Tonnen schwerer sein. Bis sie aber in der Catedrala Nationala in Bukarest hängen wird, wartet noch ein Monat Arbeit auf uns.“ Während das Gießen der Glocke recht rasch vor sich geht, ist vor allem die Produktion der Glockenform zeitaufwendig. Fast ein halbes Jahr hat deren Herstellung in Anspruch genommen.

Die Glocken der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften unterscheiden sich in ihren typischen Verzierungen. Auch beim Gewicht der Glocken gibt es regionale Unterschiede: Im Süden Europas bevorzugt man meist etwas leichtere Glocken. Abhängig ist die Wahl der Glocke auch von der Art und Weise, wie sie geläutet werden soll. Während in Russland Glocken oftmals nur mit einem Schlägel angeschlagen wurden, verlangt das in England verbreitete „Change Ringing“ spezielle Läutwerke und stellt eine Kunstform für sich dar. Auch im Klangbild einer Glocke gibt es große regionale oder kulturelle Unterschiede.

Definiert wird der Klang einer Glocke durch deren Rippe (die Form der Glocke), das Material und das Gewicht. Je schwerer die Glocke ist, desto tiefer klingt sie. Während eine Glocke mit dem Ton in etwa acht Kilogramm auf die Waage bringt, wiegt eine Glocke mit dem Schlagton bereits vier Tonnen.

Akustischer Wasserfall

Wird eine Glocke angeschlagen, ergießt sich ein ganzer Wasserfall von Tönen. Neben der Lautstärke, die abhängig von der Glocke, der Art des Läutens und auch der Witterungslage ist, ist es ebendiese Tonvielfalt, die den Klang von Glocken so weithin hörbar macht. Befindet man sich während des Läutens großer Glocken über einen längeren Zeitraum in nächster Nähe, sollte man dennoch auf einen entsprechenden Gehörschutz achten.

Rund 50 Teiltöne erklingen gleichzeitig: Die von uns wahrgenommene Tonhöhe ist der Schlagton. Das klangliche Grundgerüst bilden die fünf tiefsten Teiltöne: Unteroktav, Prim, Terz, Quint und Oberoktav – sie werden auch Prinzipaltöne genannt. Daneben erklingen noch höhere Teiltöne, die sogenannten Mixturtöne. Im Regelfall sind die Prinzipaltöne lauter als die Mixturtöne und haben eine längere Abklingdauer. „Das Schwierige ist, die markanten Teiltöne innerhalb einer Glocke in Harmonie zu bringen. Wir haben für die Prager Sankt-Gallus-Kirche eine dritte, Vaclav Havel gewidmete, Glocke gegossen. Da in der Kirche bereits zwei Glocken vorhanden waren, musste diese natürlich auf die anderen beiden abgestimmt werden. Wir können über 200 Frequenzen herausfiltern, gestimmt werden aber vor allem die acht wichtigsten Teiltöne“, erklärt Grassmayr.

Die Glocke muss bereits im Vorhinein exakt berechnet und geformt werden. Tonliche Korrekturen sind nur geringfügig möglich. Dazu werden spezifische Bereiche an der Glockenoberfläche abgeschliffen. Im Normalfall an der Innenseite, um die Verzierungen außen nicht zu beeinträchtigen. Die Töne werden dadurch tiefer. Ein Höherstimmen ist nur in minimalem Umfang möglich.

Man hört, was man fühlt

Für den Klang der Glocke hat nicht zuletzt die Ausrichtung der Glocke und die Art und Weise wie sie geläutet wird, entscheidende Bedeutung. Bei schwingend geläuteten Glocken ist das besonders auffällig, da hier der Doppler-Effekt zum Tragen kommt: Durch die Pendelbewegung der Glocke klingt sie einmal tiefer und einmal höher – je nachdem, ob sie sich gerade auf die ZuhörerInnen zu- oder wegbewegt.

Da der Klang der Glocke sowohl Dur- als auch Moll-Anteile enthält, ist es vor allem von unserer eigenen Stimmung abhängig, was wir wahrnehmen. Welche Glocke am besten klingt, ist genauso individuell, wie die Emotion, die sie in uns auslöst: „Die großen Glocken sind nicht automatisch die schönsten. In den großen Städten kommen sie manchmal gar nicht so gut zur Geltung. Da ist eine kleinere Glocke in einer abgelegenen Bergkapelle oftmals genauso schön“, sagt Grassmayr.

Wer ausprobieren möchte, wie der Klang verschiedener  Glocken zusammenspielt, kann auf der Homepage der Glockengießerei Grassmayr die Glockentonleiter klingen lassen.