Großes Ohrläppchen, genussvoller Charakter?

Was sagt die Form und Stellung der Ohren über einen Menschen aus und warum wachsen sie ein Leben lang weiter? Hören.at hat sich umgehört.

Die Ohrmuschel des Menschen ist beinahe ein funktionsloses Überbleibsel der Evolution. Im Vergleich zu anderen Säugetieren kann der Mensch das Ohr nicht bewegen – abgesehen von so manchem Ohrenwackler. Katzen sind noch stärker von ihrem Gehörssinn geleitet als Menschen, sie brauchen zur Schallortung ihren Kopf beispielsweise gar nicht drehen. Sie passen einfach die Ohrenstellung an. Außerdem drücken sie mit ihrem Ohrenspiel Emotionen wie Angst oder Angriffslustigkeit aus.

Nichtsdestotrotz gibt es die menschlichen Ohren auch im 21. Jahrhundert noch in allen Größen und Formen. Mal sind sie rundlicher, mal ovaler, mal sind die Ohrläppchen fleischiger, mal schmaler. An Segelohren sind übrigens die Eltern „schuld“: Die Form der Ohrmuschel wird vererbt. Anhand dieser wurden in der Vergangenheit sogar Vaterschaftsnachweise durchgeführt. Heute gibt es treffsicherere Methoden – und es gibt nach wie vor viele Mythen rund ums Ohr. Welche Rückschlüsse lassen die Ohren zum Beispiel sonst noch zu?

Große Ohren, große Weisheit

Sind Menschen mit besonders großen Ohren besonders weise und reich an Erfahrung? Das ist möglich, denn die Ohren wachsen ein Leben lang. Und dass Alter weiser macht, ist natürlich auch nicht gesagt. Aber warum wachsen die Ohren, obwohl doch der restliche Körper im Alter schrumpft? Die Ohrmuschel besteht aus Knorpelzellen, die in den hohen Jahren besonders teilungsfreudig sind. Es ist demnach keine Einbildung, dass Senioren mitunter überdimensionale Hörorgane besitzen. Bei der Vermutung, sie würden dadurch besser hören, handelt es sich allerdings um einen Irrtum.

Das Ohren ein Leben lang weiterwachsen könnte auch der Grund sein, warum in China große Ohren für Vitalität und Langlebigkeit stehen. Der chinesische Gott Sau ist der Gott der Gesundheit und des langen Lebens. Er wird immer mit sehr langen Ohren dargestellt. Auch Buddha hat besonders lange Ohrläppchen, die über den Hals reichen. Im Buddhismus soll das für Weisheit stehen. Ob Buddha deswegen besonders einfühlsam war? Dass große Ohren automatisch einen guten Zuhörer ausmachen, wie es im Volksmund gerne heißt, ist wissenschaftlich nicht belegbar.

Eine Ohrenverkleinerung kostet übrigens rund 2.500 Euro. Kleine Ohren mögen – vor allem im Vergleich zu übergroßen Segelohren – von manchen als attraktiv angesehen werden. Ihre Besitzer können aber anfälliger für Ekzeme sein. Denn Gehörgänge sind mit Haut überzogen, die im Zuge der Zellerneuerung abfällt. Bei kleinen Gehörgängen tut sich der Köper schwerer, diese überschüssigen Zellen abzustoßen, was zu Entzündungen führen kann.

  • Ohren spitzen kann der Mensch – im Gegensatz zur Katze – nur sprichwörtlich.
  • Barack Obama: Große Ohren als Zeichen für diplomatisches Geschick?
  • In der traditionellen chinesischen Medizin stellt das Ohr eine besondere Reflexzone dar.

Das Ohr als Abbild des Körpers

Physiognomiker glaubten, dass äußerliche Merkmale wie etwa die Ohrenform Rückschlüsse auf den Charakter einer Person zulassen. Dieser pseudowissenschaftlichen Schule zufolge sei zum Beispiel ein spitz geformter Ohrrand ein Zeichen für einen machthungrigen, durchtriebenen, hinterlistigen und bösen Charakter. Menschen mit aufgerolltem Ohrrand können sich demnach glücklich schätzen: Sie seien strebsam und fleißig. Wissenschaftlich sind solche Thesen jedoch keineswegs. Wer glaubt wirklich, es liegt an Barack Obamas Ohrenform, dass er über besonderes diplomatisches Geschick verfügt?

Auch in der Akupunktur ist das Ohr von Bedeutung. So bietet es 200 verschiedene Punkte, um Wehwehchen zu behandeln. Die Wirksamkeit von Akupunkturbehandlungen ist zwar auch nur teilweise wissenschaftlich nachgewiesen, kann aber zum Beispiel bei der Raucherentwöhnung helfen. Das Ohr ist in der Akupunktur nämlich eng mit dem Gehirn verbunden, von dem aus Punkte für alle Körperteile und Organe angesteuert werden können. Glaubt man der traditionell chinesischen Medizin, soll das Ohr also nicht nur etwas über die Person aussagen, sondern ein Abbild des gesamten Körpers sein.