Hören Männer schlechter als Frauen?

Es gibt das Klischee vom alten Mann, der auf die Aussagen seiner Frau nicht reagiert und sich „taub stellt“. Allerdings heißt es, Männer seien häufiger von Schwerhörigkeit betroffen als Frauen. Hören.at hat bei HNO-Arzt Dr. Markku T. Patjas nachgefragt.

Eines vorweg: Ja, Männer sind tendenziell häufiger von Schwerhörigkeit betroffen als Frauen. Das zeigen mehrere wissenschaftliche Studien. Und das entspricht auch den Erfahrungswerten von Dr. Markku Patjas, HNO-Arzt in Innsbruck. Sehr groß sei der Unterschied – auch statistisch erfasst – aber nicht.

Schwerhörigkeit tritt im Leben aus unterschiedlichen Gründen auf. Lärmschwerhörigkeit entsteht, wenn man im Leben großer Lärmbelastung ausgesetzt ist. Je länger die Belastung andauert, desto deutlicher wird die Schädigung. Eine Hörminderung kann aber auch plötzlich auftreten, wie zum Beispiel nach einem Knall. Und wenn das Gehör einmal geschädigt ist, ist man laut Experten auch im Alter anfälliger, dass man schlechter hört.

Bei Schwerhörigkeit im Alter handelt es sich aber nicht automatisch um eine sogenannte Altersschwerhörigkeit. Man müsse die Schwerhörigkeit im Alter nach ihren Ursachen unterscheiden, sagt Patjas: „Sie ist ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren: Veranlagung, Lebensführung – also Stress, Ernährung, Zufuhr von Giften wie Alkohol und Nikotin –, aber vor allem auch Lärmbelästigung.“

Gibt es einen geschlechterspezifischen Unterschied?

Hören schwerhörige Frauen bestimmte Frequenzen besser oder schlechter als Männer mit Hördefiziten? Patjas sagt „nein“. Es gebe keine Frequenzen, die besonders Männer schlecht hören. Lärmschwerhörigkeit beginnt oft bei einer Frequenz von 4 kHz. Diese trete öfter bei Menschen auf, die im Leben viel mit Lärm zu tun gehabt haben. Die Altersschwerhörigkeit hingegen betrifft besonders oft die hohen Töne, erst später kommen auch der Mittel- und Tieftonbereich dazu.

Es liegt also vor allem an den Tätigkeiten, mit denen man sein Leben verbringt – und weniger am Geschlecht. „Auch wenn wir hier Stereotypen bemühen: Männer haben mehr mit Knallkörpern zu tun, mit lauten Maschinen, arbeiten häufiger auf Baustellen als Frauen. Sie wählen durchschnittlich einen lauteren Beruf als Frauen“, erläutert Patjas.

  • Männer sind tendenziell häufiger von Schwerhörigkeit betroffen als Frauen.
  • Die traditionell gesündere Lebensweise von Frauen wirkt indirekt auch auf das Hörvermögen.
  • Vor allem für die älteren Generationen gilt: Männer sind im Berufsleben mehr Lärm ausgesetzt.

Mix aus Lebensstil und Veranlagung

Auch die traditionell ungesündere Lebensweise von Männern wirke sich vermutlich aus. „Früher haben Männer in gewisser Hinsicht deutlich ungesünder gelebt als Frauen, sich anders ernährt, mehr Gifte wie Alkohol und Nikotin zugeführt und waren insgesamt weniger gesundheitsbewusst. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden hier geringer. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich eine insgesamt gesündere Lebensweise auch auf die Schwerhörigkeit auswirken wird und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen hier noch geringer werden.“

Es gibt allerdings auch Faktoren, die nicht auf den Lebensstil zurückzuführen sind. „Weiblichen Hormonen kann eine gewisse Schutzfunktion zugewiesen werden“, sagt Patjas. Diese nimmt gleichzeitig mit der Ausschüttung dieser Hormone im Alter ab. Andererseits seien Frauen von bestimmten Erkrankungen der Ohren hormonell bedingt häufiger betroffen – so etwa von Otosklerose – einer Erkrankung des Knöchelchens, das sich am Übergang vom Mittel- zum Innenohr befindet. In der Schwangerschaft tritt häufig die Erstmanifestation oder eine weitere Verschlechterung auf.

Vorsorgeempfehlung nach Geschlecht?

Ein anderes Vorsorgeverhalten als Frauen, empfiehlt Patjas Männern nicht: „Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist hier einfach nicht so groß, dass das indiziert wäre. Die Vorsorge, zu der ich rate, ist immer abhängig von den Lärmbelastungen, denen jemand ausgesetzt ist – und vom Beruf. Vor allem, wenn in der Familie schon viele Hörerkrankungen vorliegen, sollte man sich regelmäßiger untersuchen lassen“, mahnt der Mediziner.

Patjas betont auch, dass man immer alle möglichen Faktoren der Schwerhörigkeit und deren Zusammenspiel beachten sollte. „Vielleicht gibt es insgesamt einen kleinen Unterschied zugunsten der Damen und vielleicht könnten die Herren hier noch etwas dazulernen – etwas gesünder zu leben und sich auch weniger Lärm auszusetzen.“