Kunstlauscher: Das Ohr in der bildenden Kunst

Ohren dienen nicht nur zum Hören, sondern auch Künstlern zur Inspiration. Von höllischen Lauschern bis zu tierischen Löffeln – eine kleine Kunstgeschichte.

Wer Kunst und Ohr in einem Satz sagt, muss auch Vincent Van Gogh sagen. Die komplizierte Künstlerpersönlichkeit ging nicht nur als einer der Begründer moderner Malerei in die Kunstgeschichte ein, vielen ist auch die Anekdote bekannt, in der Van Gogh sich nach einem Streit mit Paul Gaugin im Absinthrausch einen Teil seines linken Ohrs abgeschnitten hat. Der Vorfall gibt (Kunst-)Historikern immer noch Rätsel auf, so kommt auch Gaugin selbst als wahrer Attentäter auf das Ohr in Frage. Wie dem auch sei – fest steht, dass nicht nur Van Gogh aus dem Unfall schöpfte und mehrere Selbstbildnisse mit verbundenem Ohr schuf, sondern dass auch die Episode in der darauffolgenden Kunstgeschichte oftmals rezipiert wurde. So sagte Martin Kippenberger, dem ja selbst eine gewisse Liebe zur Exzentrik nachgesagt wird: „Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“ und kritisierte damit den Geniekult der Moderne.

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Van Gogh: Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife (1889).

Dass Ohren die echten Protagonisten von Bildern sind oder zumindest eine größere Rolle spielen, scheint jedenfalls eine Entwicklung der (Post-)Moderne zu sein. In dieser Zeit wurde begonnen, kleinteiliger zu denken, zu dekonstruieren und sich für Einzelteile zu interessieren. Denkt man an frühere Zeiten wie die Renaissance und an einen ihrer größten Helden, Leonardo Da Vinci, fallen einem wahrscheinlich zuerst seine ausgeklügelten anatomischen Studien ein. Damals diente die Beschäftigung mit einzelnen Körperteilen eher dazu, den Menschen in seiner Gesamtheit zu verstehen, jeden Teil von ihm genau unter die Lupe zu nehmen.

Dennoch gibt es hier auch Ausnahmen. Denn ungefähr zur gleichen Zeit, als Da Vinci der „Mona Lisa“ ihr vieldiskutiertes Lächeln ins Gesicht zauberte, werkte anderenorts ein gewisser Hieronymus Bosch an seinem „Garten der Lüste“, einem Triptychon, dessen rechter Innenflügel eine Höllendarstellung zeigt. Interessanterweise handelt es sich hierbei um eine „musikalische Hölle“: Die Darstellung führt allerlei Musikinstrumente vor, die als schreckliche Folterwerkzeuge eingesetzt werden. Die zwei gewaltigen, von einem Pfeil durchbohrten Ohren fallen dabei sofort auf.

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Hieronymus Bosch: Detail aus dem Garten der Lüste (ca. 1500).

Weniger angsteinflößend und etwas subtiler geht es bei Jan Vermeer einige Jahre später zu, dessen „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ nachträglich zu einem seiner bekanntesten Gemälde wurde. Das faszinierende Bild, das den Blick des Betrachter gekonnt auf den schimmernden Ohrring lenkt, machte gerade in den letzten Jahren wieder die Runde: 2003 war ein Film über das Bild sogar für den Oscar nominiert, Schauspielerin Scarlett Johannsen „lieh ihr Ohr“.

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Jan Vermeer: Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge (1665).

Wer aber nicht vom Blick des geheimnisvollen Mädchens in Bann gehalten wird, dem seien tierische Ohren ans Herz gelegt. Denn weniger berühmt sind die folgenden Löffel wohl kaum: Für den Feldhasen machen einige Menschen schon einmal einen Ausflug nach Wien, denn dort – in der Albertina – wird Dürers wohl bekannteste Naturstudie gehortet.

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Dürer: Feldhase (1502).

Ein schneller Spaziergang durch die Jahrhunderte ermöglicht es sogar, nicht nur Tierohren als Betrachter zu bewundern, sondern sie sogar zu inspizieren – gesetzt den Fall, Micky Mouse „gilt“ als Tier. Das „Mouse Museum“ des zeitgenössischen Künstlers Claes Oldenburg, dessen Aussehen sich an den ikonischsten Ohren Disneys orientiert, versammelt allerhand gefundene Gegenstände und Artefakte in seinem Inneren und beschäftigt sich humoristisch mit Fragen des Konsums.

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Claes Oldenburg: Mouse Museum (1965-77).

Ein Ohr nur zu begehen war einem Performance-Künstler wie Stelarc aber wohl nicht genug. Er entschloss sich 2006 dazu, sich ein im Labor angefertigtes Ohr in den Unterarm implantieren zu lassen – diese Aktion stieß bei Betroffenen nicht nur auf Gegenliebe und wurde in der Presse hefig diskutiert.

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Stelarc mit seinem dritten Ohr.

Bequemer als sich ein Ohr implantieren zu lassen, ist sicherlich, sich auf einem niederzusetzen. Im Schaffen des Konzeptkünstlers John Baldessari spielt das Ohr immer wieder eine Rolle. Das Ohren-Sofa wurde zusammen mit Wandleuchten in Nasenform 2009 für eine Ausstellung im Museum Haus Lange in Krefeld produziert. Baldessari beschäftigte sich in seiner Arbeit, die er als „contra-Mies“ beschreibt, mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe, der für seinen Minimalismus und sein Pochen auf die Funktionalität von Architektur bekannt ist. Dass ein Ohr auch als Sofa herhalten kann, hätte Van der Rohe bestimmt nicht gefallen. Hören.at findet dagegen: Es sieht äußerst angenehm aus!

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Johan Baldessari: Ear Sofa and Nose Sconce (2009).