Neuer Kino-Film „Baby Driver“: Musik gegen den Tinnitus?

Im neuen Film „Baby Driver“ von Regisseur Edgar Wright hat der junge Fluchtwagenfahrer Baby mit den Folgeschäden eines traumatischen Ereignisses zu kämpfen: Seit einem Autounfall als Kind hat er ein anhaltendes Pfeifen im Ohr, einen Tinnitus.

„Baby Driver“ läuft derzeit in den österreichischen Kinos an und Wrights Film beschäftigt sich neben aller Action und Romantik vor allem mit dem Hören. Babys Ziehvater ist taubstumm, weshalb Baby in einer Umgebung aufwächst, in der er sich seine eigene Soundkulisse schaffen kann: Mit einer riesigen Sammlung aus MP3-Playern, Walkmans und Plattenspielern kämpft er gegen die Geräusche in seinen Ohren an. Musik wird nicht nur elementarer Bestandteil seiner Selbsttherapie, sondern sein ganzes Leben richtet sich nach den Takten von Queen, James Brown und den Beach Boys.

Ohrgeräusche ausblenden muss man lernen

Ob man das ständige Klirren in den Ohren wirklich einfach so mit Musik ertränken kann, beantwortet der medizinische Spezialist Johannes Schobel des Tinnituszentrums in St. Pölten. Er findet den Ansatz des Films durchaus realistisch: „Unser Gefühlszentrum entscheidet, ob man unter dem Tinnitus leidet, oder nicht. Und das Musikhören ist eine Möglichkeit, etwas Positives für sich zu entdecken. Das nächste ist natürlich, dass die akustische Ablenkung beim Musikhören unmittelbar ist. Es ist auch eine Trainingsfunktion fürs Gehirn, damit es lernt, den Tinnitus zu überhören. Dass das auch über das Musikhören hinausgeht, wäre Ziel eines Hörtrainings.“

  • Regisseur Edgar Wright und Baby-Darsteller Anselm Elgot
  • Fluchtwagenfahrten mit Musik in den Ohren
  • Baby verdrängt seinen Tinnitus mit Musik

Ein solches Hörtraining kann sich ganz individuell gestalten und zielt immer darauf ab, den Tinnitus in den Hintergrund zu rücken. „Prinzipiell rate ich auch all meinen Patienten, die Stille zu meiden. Tagsüber geht es meistens, aber am Abend drängt sie sich in den Vordergrund. Am schlimmsten ist es, wenn man einschlafen möchte“, erklärt Schobel. Hörtherapie, also das bewusste Hinhören, beispielsweise in der Natur, ist eine andere Möglichkeit, den Tinnitus im Alltag auszublenden.

„Man hört darauf, was es in der Natur für Geräusche gibt, sei es Bachplätschern, Rascheln im Gebälk oder Vogelzwitschern und konzentriert sich auf alles, was von außen kommt.“ Eine Vielzahl an Apps helfen auch bei der Soundtherapie, indem sie beispielsweise weißes Rauschen oder andere Hintergrundgeräusche abspielen, oder bestimmte Frequenzbereiche eliminieren, um den Tinnitus sozusagen herauszufiltern.

Zu laute Musik kann kontraproduktiv sein

Schaden kann das permanente Musikhören in manchen Fällen jedoch auch, so Schobel: „Für Personen, die dazu neigen, dass nach Lärmbelastung der Tinnitus lauter wird, kann ein überzogenes Hörtraining auch nach hinten losgehen. Das ist eine Frage der Lautstärke.“ Da an Orten mit einem hohen Geräuschpegel auch die Musik auf den Ohren lauter gedreht wird, kann diese Selbsttherapie bei bestimmten Tinnitus Patienten kontraproduktiv sein. Welcher Weg der ideale ist, müssen Patienten gemeinsam mit einem Facharzt ermitteln.

Tinnitus ist ein Symptom, das durch eine Vielzahl von Einflüssen wie Hörsturz, Krankheiten oder Stress hervorgerufen werden kann. Ganz erforscht ist dieser Bereich dabei nach wie vor nicht. Die Quelle des Störgeräusches liegt dabei nicht im Ohr selbst, sondern meist im Hörzentrum des Gehirns. Es wird auch vermutet, dass jeder Mensch ein gewisses Grundrauschen hört, nur interpretiert das Gehirn dieses als Stille. Hatte man beispielsweise einen Hörsturz, wurden damit Sinneszellen im Ohr zerstört. Dann versucht das Gehirn die dadurch fehlenden Frequenzen auszugleichen und ein Tinnitus entsteht.