Ohrwürmer: Gekommen, um zu bleiben

Was haben “Atemlos”, “We Are The Champions” und “Mambo No. 5” gemeinsam? Sie können einen so richtig wurmen. Was sich hinter dem Phänomen Ohrwurm verbirgt.

Er ist unbarmherzig. Er kommt schleichend. Langsam setzt er sich im Kopf fest und quält dort sein Opfer: der Ohrwurm. Jeder kennt das Gefühl, einen Song einfach nicht mehr aus dem Gedächtnis zu bekommen. Man hat nur kurz das Radio aufgedreht, steht gerade im Supermarkt in der Warteschlange oder unter der Dusche – schon wird man vom Ohrwurm gepackt und nicht mehr losgelassen. Doch wie entstehen Ohrwürmer überhaupt? Und die wichtigste aller Fragen: Wie wird man sie wieder los?

Wenn dem Gehirn langweilig wird

Früher wurden Ohrwürmer auch als “Cognitive Itch” – gedankliches Jucken – bezeichnet. Juckreiz tritt allerdings meistens willkürlich auf, weshalb die Wissenschaft mittlerweile schon anderer Meinung ist. Dr. Christoph Reuter ist Professor am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien und kennt sich als systematischer Musikwissenschaftler mit dem Ohrwurm-Phänomen bestens aus. “Nach den neueren Thesen ist es so, dass ein Ohrwurm quasi eine Warteschleifenmusik im eigenen Kopf ist”, erklärt der Universitätsprofessor. Das passiert vor allem, wenn unser Gehirn unterfordert ist. Aus Langeweile suchen sich unsere grauen Zellen deshalb ein bisschen Unterhaltung und schon ploppt der nächste Song im Kopf auf. Besonders Alltagstätigkeiten wie Putzen, Kochen oder Radfahren stellen den Nährboden für Ohrwürmer dar. Joggen ist ebenfalls bekannt dafür, alle möglichen Songs ins Gedächtnis zu rufen. Grund dafür ist das Tempo, das man beim Laufen wählt. Durch die Regelmäßigkeit der Schritte läuft man sprichwörtlich Gefahr, mit einem bestimmten Rhythmus eines Stücks zu synchronisieren.

Eine weitere Erklärung für die Ohrwurmgefahr ist aus psychologischer Sicht der sogenannte “Zeigarnik-Effekt“. Dabei handelt es sich um die These, dass man sich an unterbrochene Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene. Bei Ohrwurm-Attacken könnte das ähnlich funktionieren. “Das Hirn hat dabei eine Art Ergänzungstendenz. Das heißt, man hat einen Song nicht zu Ende gehört, weshalb dann das Gedächtnis die noch fehlende musikalische Passage ergänzt”, erklärt der Musikwissenschafter. Bestimmte Situationen verstärken diesen Aspekt noch. Von einem Date im Regen nach Hause zu laufen, weckt beispielsweise sofort die Assoziation an “Singing in the Rain“.

  • Unter der Dusche vom Ohrwurm erwischt.
  • Joggen zieht Ohrwürmer fast magisch an.
  • Illustrations eines Ohrwurms – so lieb könnte er aussehen.

Der ideale Ohrwurmträger

Einen Song, den man einfach nicht mehr aus dem Gedächtnis bekommt, hat wohl jeder schon einmal gehabt. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es allerdings Bevölkerungsgruppen, die dafür empfänglicher sind als andere. Musikalische Personen oder Leute, für die Musik einen höheren Stellenwert hat, haben im Vergleich häufiger einen Ohrwurm im Kopf als andere. Schwerhörigkeit verstärkt ebenfalls die Häufigkeit, an dieser Gehirn-Warteschleife zu leiden. Außerdem sind besorgte und introvertierte Menschen anfälliger für das Phänomen. Aus Studien geht hervor, dass sich Frauen eher von Ohrwürmern gestört fühlen als Männer. „Der ideale Ohrwurmkandidat wäre also eine Musikerin, die besorgt ist und gleichzeitig nicht gut hören kann“, sagt Ohrwurmexperte Reuter scherzhaft.

Das “How to” zum perfekten Ohrwurm

Es gibt eine unzählige Menge an Songs und Musikstücken, aber nicht alle haben das Zeug zum Ohrwurm. Christoph Reuter weiß, was das “gewisse Etwas” bei Ohrwürmern ausmacht. Es hat mit der musikalischen Struktur der Lieder zu tun: “Der ideale Ohrwurm besteht aus kleinen Intervallen, einem kurzen abgeschlossenen Motiv, das immer wieder im Musikstück vorkommt und zu einer Situation passt.” Die Einfachheit, die durch solche Elemente in der Musik entsteht, steigert den Erinnerungscharakter und bleibt damit leichter im Gedächtnis hängen. Songs wie “Schifoan” oder “We Will Rock You” haben das perfektioniert. Neben einer simplen Struktur können allerdings auch musikalische Besonderheiten, die sich von bekannten Mustern abheben, zum Ohrwurmpotential beitragen. Der Evergreen “Take Five” von Dave Brubeck ist wohl eines der bekanntesten Instrumentalstücke des Jazz. Laut Reuter ist der krumme Rhythmus, der für den Zuhörer zunächst ungewohnt ist, für das Erinnern in den Köpfen verantwortlich und dadurch ein heißer Ohrwurmkandidat. 

Um sich einen Song sprichwörtlich ins Gedächtnis zu brennen, gibt es noch eine weitere Ebene neben der musikalischen. “Der Text ist zur Strukturierung von Musikstücken sehr wichtig und kann auch mehrere Assoziationsfelder anregen als nur die Musik allein”, erklärt der Musikwissenschafter. Aus diesem Grund haben Titel mit Lyrics eine viel größere Chance, zum Ohrwurm zu werden, als reine Instrumentalstücke.

Den Kopf frei bekommen

Die Sache mit dem Ohrwurm funktioniert ähnlich wie beim Schluckauf. Jeder hat seine eigenen Tricks und Hausmittelchen, wie er ihn überlistet. Laut Reuter gibt es jedenfalls mehrere Möglichkeiten. “Ein Ohrwurm ist ein Konzentrationsproblem, weshalb man am besten versuchen sollte, sich mit etwas anderem gedanklich abzulenken, wie zum Beispiel einen ganz anderen Song zu hören oder ein Buch zu lesen.” Man kann sich allerdings auch einfach auf die Musik einlassen und sich seinem Ohrwurm stellen, indem man das Musikstück von Anfang bis Ende fertig hört. Mit dieser Methode würde man auch den Zeigarnik-Effekt überlisten. Und falls man dazu tendiert, beim Joggen an einem bestimmten Ohrwurm zu leiden, sollte man einfach sein Tempo ändern.

Der häufigste Ohrwurm von Christoph Reuter persönlich ist übrigens “Die Trompeten von Mexiko” von Helge Schneider, der den Musikwissenschaftler immer wieder beim Duschen überfällt. Zu diesem Song lässt es sich wohl besonders gut die Haare im Rhythmus shampoonieren – ob man will oder nicht. Die folgende Playlist von beliebten Ohrwürmern ist daher mit Vorsicht zu genießen. Eines dieser Lieder könnte sich hartnäckig festsetzen …