Open-Air-Konzerte: Draußen wird lauter gedreht

Schreiendes Publikum und ein Bass, der den ganzen Körper vibrieren lässt, machen Konzerte zu einer einzigartigen Erfahrung – und zum Risiko.

Dass vor allem Rockkonzerte nicht besonders schonend zu den Ohren sind, ist eigentlich bekannt. Die Alt-Metaller von Manowar halten mit 129 Dezibel den aktuellen Weltrekord als lauteste Band der Welt und lösten damit die britische Band The Who mit 126 Dezibel ab. Das Guinnessbuch der Rekorde hat inzwischen aufgehört, Anerkennungen für die lauteste Band zu geben. Daher wurde auch nicht geprüft, ob Manowar tatsächlich 2008 bei einem Soundcheck mit 139 Dezibel noch mal eins drauflegen konnten. Laut sind sie jedoch so oder so und führen damit das Feld vor Kiss, AC/DC und Co. an.

Konzerte so laut wie ein Jumbojet

Die Lautstärke ist allerdings kein neues Problem. Bereits die Beatles sollen so laut wie ein Jumbojet gewesen sein. Sie konnten sich zudem auf eines verlassen: kreischende Fans. Je nach Genre und Artist kann das Publikum schon mal lauter werden als die Musik auf der Bühne. Bei einem (zugegeben inszenierten) Weltrekordversuch in Hong Kong erreichte das Publikum der Hiphop Gruppe FAMA 131 Dezibel. Berüchtigt war auch die Beatlemania: Die Fans der vier Briten schrien in den 1960ern während der Konzerte so laut, dass man keinen Ton der Musik hören konnte.

Nachdem 1959 das erste Open-Air-Festival in Newport stattfand, sind Festivals unter freiem Himmel mit ihren berühmt-berüchtigten Ablegern Sziget Tomorrowland, Glastonbury und dem Burning Man Sprungbrett für viele Bands und feste Instanz für Musikbegeisterte. In Österreich gibt es zahlreiche Festivals wie das Frequency, Nova Rock oder Donauinselfest. Neben der Mischung aus verrücktem Publikum, mehrtägigem Zelten und einer Vielzahl an Bands, die für das „Festivalfeeling“ sorgen, ist auch die Akustik besonders. „Bei einem Open-Air-Konzert gibt es nur wenige Reflexionen. Das heißt, was aus dem Lautsprecher ausgespielt wird, kommt meist direkt so an. Das Ergebnis ist dann zwar ein klarerer Sound, aber draußen gibt es immer Störgeräusche – vor allem bei Wind oder gar Regen“, beschreibt Piotr Majdak vom Institut für Schallforschung den besonderen Klang bei Open-Air-Konzerten.

Draußen muss man Musik lauter aufdrehen

Damit der Sound überall gleichmäßig ankommt, müssen die Bühnenlautsprecher J-förmig angeordnet werden, erklärt Majdak weiter: „Draußen muss man die Musik lauter aufdrehen, da die Reflexionen des Raumes fehlen. Diese Reflexionen verstärken die Töne, sorgen jedoch auch dafür, dass sie den Klang beeinflussen. Bei einem Rockkonzert in einer Kirche würde man zum Beispiel nur noch verwaschene Geräusche hören.“ Da bei einem Open-Air-Konzert meist weite Distanzen mit Ton versorgt werden müssen, würde man aber ohne gut ausgerichtete Lautsprecher sehr schnell nichts mehr hören. Damit die Leute mit 200 Meter Abstand noch etwas mitbekommen, müsse man also ohne diese Veranstaltungstechnik dermaßen laut aufdrehen, dass es für die Zuhörer in den vorderen Reihen nicht nur unerträglich, sondern gesundheitsschädigend wäre.

  • Bei vielen Open-Air-Konzerten ist man sehr hohen Lautstärken ausgesetzt.
  • Soundexperte Piotr Majdak vom Institut für Schallforschung.
  • Bühnenlautsprecher werden in Form eines J angeordnet.

Damit die Ohren keinen Schaden nehmen, während man – drinnen oder draußen – der Lieblingsband lauscht, sind oft die klassischen Schaumstoffohrenstöpsel ein schützender Begleiter auf Konzerten. Denn auch abgesehen von Extrembeispielen wie Manowar muss man mit Lautstärken von bis zu 100 Dezibel rechnen. Hier greift die EU-Gehörschutznorm, die größere Lautstärken verbietet. Musiker und Mitarbeiter vor und hinter der Bühne greifen deshalb verstärkt zu maßangefertigtem Gehörschutz (sogennannten Otoplastiken mit Filter), da diese Norm häufig überschritten wird, vor allem in Bühnennähe. Daher ist für Mitarbeiter ein Gehörschutz verpflichtend und für das Publikum dringend empfohlen. Er schont das Ohr, ohne dass auf die gute Musikqualität verzichtet werden muss.

Gehörschutz ist bei allen Konzerten wichtig

Obwohl bereits 2008 eine Studie bestätigt hat, dass Konzerte durch die große Lärmbelastung zu Hörschäden führen können, hat sich bisher nicht viel getan. Die Reagge-Band UB40 machte 2014 Schlagzeilen, weil mehrere Fans das Konzert frühzeitig verließen. Sie empfanden die Lautstärke als schmerzhaft und den Bass als so stark, dass ihr Körper bebte und die Ohren zu bluten begannen.

Die Folgen einer solchen Konzerterfahrung sind dann im schlimmsten Fall ein Tinnitus oder ein Hörsturz, die mit Pech lebenslang das Gehör beeinträchtigen. Einige Bands versuchen inzwischen, dem Trend entgegenzuwirken. Die Band Pearl Jam setzt sich für Gehörschutz bei Konzerten ein und Metallica spielte einst ein extrem leises Konzert auf einer antarktischen Forschungsstation. Hier konnte man den Klängen zum Schutz der Umwelt nur mit Kopfhörern lauschen.