Schwerhörigkeit: „Wir hoffen auf ein Umdenken“

Wer gut hört, nimmt den Hörsinn oft als selbstverständlich an. Doch wer schwerhörig ist, auf den warten im Alltag nach wie einige Hürden. Harald Tamegger vom Österreichischen Schwerhörigenbund im hören.at-Interview.

Man nimmt von seinem Lieblingslied nur ein leises Rauschen wahr. Die Stimme der kleinen Tochter klingt wie ein fernes Echo. Und bei aufregenden Gesprächen wird man nur durch Gesten Teil der Diskussion. So sieht der Alltag eines Schwerhörigen aus. Allein in Wien gibt es laut Statistik 350.000 schwerhörige Menschen. Viele besuchen seit Jahren keine kulturelle Veranstaltung, weil sie schlicht nicht genug vom Geschehen hören. Harald Tamegger, Generalsekretär und Projektverantwortlicher des ÖSB (Österreichischer Schwerhörigenbund Dachverband), erklärt, was in Sachen Schwerhörigkeit noch alles getan werden muss.

Mit welchen Herausforderungen haben Menschen mit Hörminderung in Österreich im Alltag zu kämpfen?
Harald Tamegger:
Vor allem mit dem Faktum, dass Schwerhörigkeit für Außenstehende eine unsichtbare Behinderung ist. Für viele Betroffene ist es leider immer noch ein Tabu, Schwerhörigkeit zuzugeben. Sie übersehen allzu oft, dass sie somit von der hörenden Umwelt als dumm abgestempelt werden, was natürlich nicht stimmt. Denn wer nicht versteht, gibt klarerweise auch falsche Antworten. Hier ist in hohem Maß Selbstbewusstsein der Betroffenen erforderlich, um Missverständnisse im Vorhinein zu vermeiden. Das versuchen wir auch in den Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen unserer regionalen Mitgliedsvereine immer zu thematisieren und zu vermitteln.
Eine weitere Herausforderung ist der Mangel an akustischer Barrierefreiheit im öffentlichen Raum. Viele glauben, mit dem entsprechenden Hörsystem hört ein Schwerhöriger ja wieder. Das stimmt leider nur zum Teil. Es braucht in Bereichen wie Theatern, Kinos, Vortragssälen oder Infopoints induktive Höranlagen, die ein Verstehen auch auf größere Distanzen und lärmunabhängig ermöglichen. Der ÖSB initiiert hier seit Jahren Aktionen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für diesen Bereich und ist auch auf sozialpolitischer Ebene sehr aktiv dabei, akustische Barrierefreiheit zum Thema zu machen.

Stichwort „induktive Höranlage“: Was ist das genau und was sind die Vorteile?
Tamegger: Das Prinzip einer induktiven Höranlage besteht vereinfacht beschrieben aus einem Kabel, das in Räumen entlang der Wände verlegt und an einen Induktionsverstärker angeschlossen wird. Dadurch baut sich im Raum ein schwaches, aber homogenes Magnetfeld in Abhängigkeit des Sprachsignals auf. Alle akustischen Signale, die in diesen Verstärker eingespeist werden (Sprache, Musik, usw.) können von der „T“-Spule des Hörsystems aufgenommen und in hörbare Schallschwingungen umgewandelt werden. Besonders positiv ist, dass dabei nahezu keine Nebengeräusche übertragen werden und die gewünschte Hörinformation somit klar und deutlich gehört werden kann, unabhängig von der Distanz zum Sprecher/Moderator. Der ÖSB bietet auf seiner Homepage eine Höranlagenübersichtsliste aller Bundesländer an und wir hoffen, dass durch die gesetzliche Lage noch viele Nachahmer folgen werden.

Auf welche Ziele fokussiert der ÖSB?
Tamegger:
Die Ziele des ÖSB sind schnell erklärt: Wir vertreten und unterstützen alle Menschen rund um das Thema „Hören“ und „lautsprachliche Kommunikation“. Unser Ziel ist eine adäquate hörtechnische Versorgung aller Betroffenen, eine Gleichstellung in allen Bereichen der Bildung, des beruflichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens. Wir forcieren die Schaffung von Rahmenbedingungen, um den Einsatz, die Finanzierung und die Versorgung mit Hörtechnologien, hörtaktischen Maßnahmen, Rehabilitation zu gewährleisten. Wir sind ein Kompetenznetzwerk und bieten unseren Mitgliedern und Partnern Kontakte und Vernetzung mit Entscheidungsträgern aus Politik, Medizin, Wirtschaft und dem Sozialbereich. Wir agieren österreichweit und pflegen internationale Kooperationen. Wir entwickeln und unterstützen hörspezifische Projekte.

  • Harald Tamegger, Generalsekretär und Projektverantwortlicher des ÖSB
  • Für viele Betroffene ist es nach wie vor eine Überwindung, die eigene Schwerhörigkeit zuzugeben.
  • Induktive Höranlagen in Konzertsälen & Co. ermöglichen Verstehen auch auf größere Distanzen

Welche Verbesserungen soll das Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderung, das seit 1. Jänner 2016 gültig ist, Personen mit einer Hörminderung bringen?
Tamegger:
Wir hoffen, dass durch das Gesetz ein Umdenken stattfindet und dass zum Beispiel Dienstleister wie Theater, Kinos oder Hotels mit Vortragssälen verstehen, dass die Ausstattung mit induktiven Höranlagen keine lästige Pflicht sein muss, sondern eine positive Erweiterung einer unterschätzt großen Zielgruppe ist. Allein in Wien gibt es laut Statistik 350.000 schwerhörige Menschen und die Mehrzahl besucht seit Jahren keine kulturelle Veranstaltung, weil sie dort ganz einfach nichts verstehen. Würde man endlich auf diese Menschen Rücksicht nehmen, würde sich das letztlich auch wirtschaftlich positiv niederschlagen. Und wenn man dem Umdenken nachhelfen muss, so haben Betroffene die Möglichkeit, ein Schlichtungsverfahren über das Sozialministeriumservice einzuleiten. Das kann jeder relativ formlos tun, der sich diskriminiert fühlt.

Sind die Maßnahmen, die mit dem Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderung einhergehen, vorschriftsmäßig umgesetzt worden?
Tamegger:
Vorschriftsmäßig umgesetzt? Davon sind wir noch meilenweit entfernt – nicht nur im Bereich der akustischen Barrierefreiheit, sondern generell. Der ÖSB sieht sich als Serviceeinrichtung, die für ihren Bereich bestmögliche Information für Betroffene anbietet, die aber auch als Dienstleister hilft, wie man akustische Barrierefreiheit herstellen kann.
Die Konsequenzen bei Nichtumsetzung liegen in der Möglichkeit des Schlichtungsverfahrens, das bei negativem Ergebnis in ein Gerichtsverfahren übergehen kann. Und damit sind dann Kosten verbunden, die sich, wenn mehrere Personen dieselbe Stelle klagen, zu Buche schlagen. Ob man das riskieren will, sei jedem selbst überlassen zu entscheiden.

Welche Möglichkeiten gibt es außerdem, um Menschen mit Hörminderung den Alltag zu erleichtern?
Tamegger:
Auf technischer Ebene gibt es zahlreiche Zusatzhilfsmittel wie Wecksysteme, Telekommunikationslösungen für Schwerhörige und vieles mehr. Hier empfiehlt es sich, einen Blick auf die Homepage der geförderten Schwerhörigenberatungsstellen www.schwerhoerigen-service.at zu machen und den Produktkatalog anzuschauen.

Ist Schwerhörigkeit in Österreich noch ein Stigma?
Tamegger:
Ja, definitiv, wobei aber Werbungen für Hörsysteme in den Medien, die ja bis vor ein paar Jahren nicht erlaubt waren, sicher dazu beitragen, das Hören in der Öffentlichkeit „sichtbarer“ zu machen. Vor zehn Jahren war das noch überhaupt kein Thema. Das ist jetzt sicher etwas besser geworden, aber es ist noch viel Luft nach oben!

Wo gibt es den größten Nachholbedarf?
Tamegger:
In der Prävention. Schwerhörigkeit, so prognostizieren auch offizielle Stellen wie die WHO (Anm. der Red.: Weltgesundheitsorganisation), wird in den nächsten Jahren noch extrem zunehmen. Dem sollte dringend entgegengewirkt werden, da die volkswirtschaftlichen Kosten für Rehabilitationsmaßnahmen sonst zu explodieren drohen.

Herr Tamegger, vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person:
Harald Tamegger ist Generalsekretär und Projektverantwortlicher des ÖSB. Sein Aufgabenbereich, den er wie jeder im ÖSB-Team ehrenamtlich ausführt, beinhaltet neben der organisatorischen Betreuung auch die Öffentlichkeitsarbeit des ÖSB. Tamegger ist außerdem Chefredakteur der österreichweit erscheinenden Schwerhörigenzeitschrift „Sprach-R-ohr“ und für die Internetseiten  www.oesb-dachverband.at und www.transscript.at verantwortlich. Auch die Betreuung der Schriftdolmetschzentrale – inklusive Planung und Durchführung der Ausbildungsagenden in Kooperation mit dem bfi-Wien – zählt zu seinen Aufgaben.

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