Lautes Silvester: Wenn ein kurzer Knall lange Folgen hat

Spätestens zum Jahreswechsel ist es mit der Stille meist vorbei – laute Kracher werden zunehmend zum Problem, vor allem für unsere Ohren. Der richtige Gehörschutz hilft.

Dass das neue Jahr mit einem Besuch der HNO-Abteilung beginnt, wünscht sich wohl niemand. Und doch herrscht dort in den ersten Jännertagen Hochbetrieb: Laute Silvesterkracher, die oft inmitten von Menschenansammlungen gezündet werden, sind alle Jahre wieder für zahlreiche Knalltraumata nach einem feucht-fröhlichen Silvesterabend verantwortlich und können schlimme Folgen haben. Denn Knallkörper stellen nicht nur eine Lärmbelästigung dar, sondern können auch bleibende Schäden am Gehör verursachen.

„Bis zu 145 Dezibel kann ein Kracher erreichen, das ist sogar lauter als ein startender Düsenjet“, warnt Hörakustik-Experte Lukas Schinko von Neuroth. „Ein kurzer Knall genügt, um das Gehör dauerhaft zu schädigen. Denn die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs liegt bei durchschnittlich 120 Dezibel.“ Nur ein bis drei Millisekunden wirkt der Impulsschall eines Knalls auf das Hörsystem ein, er wird daher im Vergleich zum Dauerlärm subjektiv oft als harmloser empfunden.

Ein einzige Knaller kann reichen

Manchmal genügt sogar ein einziger Knaller, um ein Knalltrauma auszulösen und das Gehör irreparabel zu schädigen. Der Grund: Das Gehör braucht rund eine Zehntelsekunde, um sich auf eine bestimmte Lautstärke einzustellen. Da der Explosionsknall der meisten Silvesterböller nur zwischen einer und drei Millisekunden dauert, kann das Gehör den Knall nicht rechtzeitig genug erfassen und mit entsprechenden Abwehrmechanismen darauf reagieren. Zudem bewegen sich Knalle und Schüsse meist im oberen Frequenzbereich, der bei großer Lautstärke für die Ohren besonders gefährlich sein kann. Und natürlich kommt es auch auf die Entfernung an: je näher der Knaller am Ohr, desto schlimmer der Hörschaden.

Knall- oder Explosionstraumata können also zu einer längerfristigen Hörbeeinträchtigung führen, vor der HNO-Ärzte und Ambulanzen der Krankenhäuser Jahr für Jahr warnen – vor allem zum Jahreswechsel. Expertenschätzungen zufolge tragen rund 1.000 Österreicher alljährlich schwere Hörschäden von Silvestern-Knallern davon. Ein typisches Symptom eines Knalltraumas ist das Gefühl, dass das Ohr verstopft ist – meist begleitet von einem akuten Hörverlust. Auch ein Tinnitus oder eine Perforation des Trommelfells (Trommelfellriss) sind möglich.

Rechtzeitige Vorsorge hilft

Mediziner gehen beim Knalltrauma von einem Stoffwechselkollaps im Innenohr aus. Die dort befindlichen Sinneszellen, die sogenannten Haarzellen, werden dabei geschädigt, während Trommelfell und Gehörknöchelchen intakt bleiben – das Ohr sieht also auf den ersten Blick völlig unauffällig aus. Auf den zweiten Blick sprechen die Symptome aber eine klare Sprache: Die Patienten klagen über eine Hörminderung im hohen Frequenzbereich und zumeist Ohrgeräusche. Später kann es zu einer Überempfindlichkeit bei lauten Geräuschen, einem verzerrtem Höreindruck sowie dem Gefühl, ein verschlagenes Ohr zu haben, kommen. Wer die Beschwerden auch am Morgen nach dem Knall noch hat, der sollte sich schleunigst Hilfe suchen. Die allgemein empfohlene Erstmaßnahme bei einem Knalltrauma ist eine durchblutungsfördernde Infusionstherapie, wie sie auch beim Hörsturz üblich ist, um die Stoffwechselsituation im Innenohr zu verbessern. Den Empfehlungen der HNO-Fachgesellschaften entsprechend würden über einen Zeitraum von zehn bis vierzehn Tage vasodilatatorische, also blutgefäßerweiternde Medikamente und Kortison verabreicht.

„Wenn man schlechter hört oder ein Pfeifen im Ohr feststellt, ist ein Gang zum HNO-Arzt unerlässlich – je früher, desto besser“, empfiehlt auch Hörakustik-Experte Schinko. Noch besser: „Man sollte rechtzeitig vorsorgen. Das gilt vor allem für Kinderohren, die noch empfindlicher sind“, sagt Schinko. Tipps, um sich zu schützen: die Nähe zu Krachern so gut wie möglich meiden und einen Gehörschutz tragen. „Am besten sind individuell angepasste Gehörschutzlösungen. Sie schützen vor gefährlichem Lärm und man kann sich damit trotzdem einwandfrei verständigen“, sagt Schinko.