Welche Nebenwirkungen Musik haben kann

Auch wenn Vinyl ein Revival erlebt, die Hochzeiten des Musikalbums sind vorbei – Streamingdienste, Smartphones und Playlists beherrschen den Musikmarkt. Welchen Einfluss dieses neue Konsumverhalten auf unseren Körper und unsere Hörwahrnehmung haben.

Auch vor der Musik hat das digitale Zeitalter keinen Halt gemacht und sie grundsätzlich für jeden fast immer und fast überall verfügbar gemacht. Streamingdienste wie Spotify, Deezer und Co. haben sich schon längst vom Trend zur Norm entwickelt. In Zahlen beweist dies der Music Consumer Report 2016: Bereits 71 Prozent der Internetnutzer weltweit konsumieren Musik über lizensierte, digitale Services – allen voran den Internet-Riesen YouTube mit über einer Milliarde Konsumenten auf der ganzen Welt. 55 Prozent aller Internetuser hören sich ihre Musik außerdem am liebsten mit ihrem Handy an.

In Österreich dürfte der digitale Musikkonsum mit dem Smartphone im internationalen Vergleich sogar noch höher sein, wie Musik- und Medienwirkungsforscherin Vera Brandes von der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) im Interview vermutet: „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Deutschland hatte Österreich schon sehr früh billige Handytarife, die natürlich die Verbreitung des Smartphones begünstigten.“

Komprimierung statt Entfaltung

Mit der zunehmenden Mobilität, die mit dieser Art von Musikkonsum einhergeht, haben laut Brandes vor allem „Digital Natives“ zu tun. Sie wachsen mit dem Wissen auf, Musik als omnipräsentes Produkt überall konsumieren zu können. Dass dieser Umstand nicht nur grenzenlosen Musikgenuss bedeutet, sondern auch negative Risiken birgt, wissen allerdings die wenigsten. Die Wirkung von Musik, auch auf physiologischer Ebene, hängt immer mit der Datendichte zusammen.

„Um Musik in ihrer vollkommenen Entfaltung erfahren zu können, sind Formate wie MP3 nach bisherigen Untersuchungen eigentlich unzureichend“, sagt Musikwirkungsexpertin Brandes. „Die Datendichte ist hier viel zu gering.“ Ein Manko, gegen das Produktion und Technik in Zukunft durch Speichermedien mit immer mehr Speicherplatz gegensteuern können.

  • 55 Prozent aller Internetuser hören sich Musik am liebsten mit ihrem Handy an.
  • Musik- und Medienwirkungsforscherin Vera Brandes
  • Die Wirkung von Musik, auch auf physiologischer Ebene, hängt immer mit der Datendichte zusammen.

Gefahr im In-Ear-Format

Das weitaus größere Problem, das mit dem digitalen Konsum von Musik meist einhergeht, steckt in den Kopfhörern, mit denen man sein Gehirn tagtäglich beschallt. Egal, ob in der U-Bahn, im Büro oder in der Badewanne, die kleinen In-Ear-Stöpsel sind bei vielen überall mit dabei. Oft wird unterschätzt, welcher Lärmbelastung die Ohren dauerhaft ausgesetzt sind: Schon ab 85 Dezibel wird das Musikhören mit Kopfhörern als gesundheitsschädlich eingestuft.

Außerdem ist wenig bekannt, dass sich die Art der Kopfhörer auch direkt auf das Gehirn auswirken kann. Brandes, die auch als Leiterin des Forschungsprogramms Musik-Medizin an der PMU tätig ist, warnt daher vor den allzu praktischen Ohrstöpseln: „Durch In-Ear-Kopfhörer ist kein echter Raumklang mehr vorhanden, weshalb das räumliche und zeitliche Vorstellungsvermögen des Menschen nicht mehr beansprucht wird.“ Sie rät deshalb zu Kopfhörern mit einem Mindestumfang von 4,5 cm, ohne den eine räumliche Klangabbildung nicht möglich ist. „Ansonsten wird unser Gehirn zu einer eindimensionalen ‚Klangverarbeitungsmaschine‘ – und daran sollten wir unseren Körper auf keinen Fall gewöhnen.“

Musik mit Nebenwirkung

Die Elastizität von Musik unterstützt im besten Fall mithilfe von Synchronisation den eigenen Rhythmus im Körper. Wenn das passiert, machen uns unsere Lieblingssongs glücklich und gesund. Wenn es sich allerdings um digitale Klänge handelt, kann dieser Effekt auch ins Negative ausschlagen. Die Rede ist dabei von komplett computergenerierter Musik, die auch auf mikrorhythmischer, vermeintlich kaum wahrnehmbarer Ebene rein programmiert ist. „Wenn das, was auf unser Gehirn beim Musikhören prallt, in sich schon statisch ist, ist das für unseren Körper als hoch elastischer, biologischer Apparat sehr ungünstig“, erklärt Vera Brandes. „Das gilt sowohl für die neuronalen Aktivitäten als auch für alle anderen Abläufe im Rest des Körpers.“

Der Musikkonsum mit Streamingdiensten findet häufig nach dem „Qual der Wahl“-Prinzip statt – durch das ständige Überangebot wird es immer schwieriger, Musik zu identifizieren und zu beurteilen. Verhaltensmechanismen wie das „Mood Management“ helfen dabei, in dieser Reizüberflutung nicht unterzugehen und Songs nach Gefühlszuständen auszuwählen. Denn der Wirkungsgrad von Musik ist sogar so weit, in Form von individuell konzipierter Musiktherapie Depressionen nachhaltig verbessern zu können, wie Brandes im Interview aus ihrer Forschung an der PMU erzählt. Und ihr letzter Tipp ist sogar ganz einfach: „Das Gesündeste, was man für seinen Körper tun kann, und das ist wissenschaftlich bestätigt worden, ist selbst Musik zu machen oder zu singen – egal, ob im Chor oder in der Badewanne.“