Wenn das Ohr den Einbrecher verrät

Urlaubszeit ist leider auch Einbruchszeit. Und je sorgfältiger der Täter vorgegangen ist, desto schwieriger sind die Ermittlungen. Wenn am Tatort Fingerabdrücke fehlen, kommt auch der ausgeklügeltste Sherlock ins Grübeln. Genau an dieser Stelle werden stattdessen mitunter Ohrabdrücke zur heißen Spur. Hören.at ist selbst auf Spurensuche gegangen.

Es ist Montagnacht, die Rollläden der Einfamilienhäuser in der Wohnsiedlung am Stadtrand sind schon heruntergezogen, die Lichter ausgeknipst und der Wecker für den nächsten Morgen gestellt. Nur eine dunkle Gestalt, die sich vorsichtig in einen der Vorgärten schleicht, ist im spärlichen Licht der Straßenlaternen mehr schlecht als recht ausfindig zu machen. Sie steuert auf die Eingangstür eines der Häuser zu, Tageszeitungen der letzten drei Tage liegen davor – die Bewohner sind auf Gran Canaria. Es ist ein gefundenes Fressen für den geübten Einbrecher, der – mit Lederhandschuhen ausgestattet – keine Fingerabdrücke hinterlassen möchte.

Sicherheitshalber drückt er seine Lauscher noch einmal gegen die Tür, bevor er das Schloss gekonnt aufbricht – nicht, dass es dahinter noch eine böse Überraschung gibt. Dieser kurze Moment wird dem Übeltäter Wochen später zum Verhängnis: Bei der Spurensicherung können am Tatort Ohrabdrücke auf der Tür sichergestellt werden, mithilfe derer die Ermittler den Einbrecher schlussendlich entlarven.

  • "Ohrenabdrücke treten vermutlich gehäuft auf, wenn die Täterschaft an Türen oder Fenstern gelauscht hat", sagt der Experte.
  • Wenn keine Fingerabdrücke zu finden sind, können Ohrabdrücke als heiße Spur zum Täter führen.
  • Am Tatort müssen alle Spuren gesichert werden, die mit dem Täter in Verbindung stehen könnten.

Jedes Ohr ein Unikat

Was in unserem fiktiven Fall sehr nach Tatort-Drehbuch klingt, könnte auch genauso gut aus einer Polizeiakte stammen, wie Beispiele aus Deutschland beweisen. Unsere Ohren sind nämlich fast so einzigartig wie unsere Fingerabdrücke – das kommt der Kriminalistik bei der Spurensicherung zugute. „Eine Auswertung der Ohrabdrücke wird dann interessant, wenn keine brauchbaren Fingerabdrücke oder verwertbaren DNA-Spuren sichergestellt werden konnten“, erklärt Dr. Robert Hirz, Leiter des Büros für Kriminaltechnik im österreichischen Bundeskriminalamt. Bei den Ohrabdrücken handelt es sich somit um den „Plan B“ der Spurensicherung. Am Tatort selbst wird alles, was mit dem Täter in Verbindung gebracht werden kann, untersucht, wie Hirz im Interview weiter erklärt: „Das können unter anderem Fingerabdruck-, DNA-; Schuh-, Werkzeug-, Faser-, Material- oder Blutspuren, Munitionsteile oder Schussrückstände sein.“

Wenn am Tatort ohrenähnliche Fährten zum Vorschein kommen, müssen die Spuren erst einmal adäquat gesichert werden: „Dazu werden sie mit einem geeigneten Adhäsionsmittel aus Rußpulver,  Aluminiumstaub oder Mangansulfid/Magnetit  unter Verwendung eines Pinsels eingefärbt. Die angefärbte Spur wird dann fotografiert und eventuell mit Gelatinefolie abgezogen und so gesichert“, erklärt der Leiter des Büros für Kriminaltechnik. In Österreich gibt es – anders als bei Fingerabdrücken – keine eigene Datenbank für Ohrabdrücke, was die Arbeit der Ermittler nicht gerade vereinfacht. Die Abdrücke der kriminellen Lauscher dienen deshalb den Ermittlern in erster Linie zum Ausschlussverfahren. In der Praxis werden die gesicherten Spuren vom Tatort also mit den Ohrabdrücken des Verdächtigen verglichen.

Eine von vielen Methoden

„Ohrenabdrücke treten vermutlich gehäuft auf, wenn die Täterschaft an Türen oder Fenstern gelauscht hat, um sich zu überzeugen, dass keine Personen in den Räumlichkeiten sind, in die sie eindringen wollen“, sagt Hirz, weshalb Einbrüche wohl ganz oben auf der Lauscher-Liste stehen dürften. Nicht alle Methoden der Spurensicherung dürfen allerdings an die Öffentlichkeit gelangen, zu groß ist die Gefahr, mit den Informationen zukünftige Täter zu schulen und damit die Ermittlungsarbeit zu erschweren.