Wenn das Zuhören zu Hause schwer fällt

Was ist die Basis jeder funktionierenden zwischenmenschlichen Beziehung? Richtig: das Zuhören. Doch was, wenn der eigene Partner an Schwerhörigkeit leidet?

Der Vorwurf, dass der andere nicht zuhört, ist in vielen Partnerschaften ein Dauerbrenner. Vom Falsch-Verstehen und Gegen-die-Wand-Reden kann so manch einer ein Lied singen. Im schlimmsten Fall redet man aneinander vorbei, niemand fühlt sich gehört oder verstanden – Isolation auf beiden Seiten ist oft das Resultat. In solchen Situationen sollte man seine Kommunikationsbasis genauer unter die Lupe nehmen und sich fragen, ob man eigentlich aktiv zuhört. Richtiges Zuhören hat nämlich nichts mit einem passiven Verhalten in einer Gesprächssituation zu tun. Was gefragt ist, sind Aufmerksamkeit, Empathie und Konzentration. Doch wie verhält man sich, wenn der eigene Partner unter den Symptomen einer Hörminderung leidet und Hören zum omnipräsenten Thema in der Beziehung wird?

Der wichtige Part des Partners

Vom Erkennen einer Schwerhörigkeit bis zur Akzeptanz und der im besten Fall damit einhergehenden Suche nach dem richtigen Hörgerät ist es bei vielen Betroffenen ein weiter Weg. Studienergebnisse haben gezeigt, dass der Partner oder die Partnerin beim Erkennen einer Schwerhörigkeit eine wichtige Rolle spielt. Durch das gemeinsame Zusammenleben bemerken sie ein sich verschlechterndes Hörvermögen meist viel früher als die betroffene Person selbst. „Zu mir kommen vermehrt die Partner oder Angehörigen von Betroffenen, um diese für eine Untersuchung anzumelden. Denn der Patient selbst bemerkt seine Schwerhörigkeit oft gar nicht“, erklärt der Villacher HNO-Arzt Dr. Andreas Neuhuber.

Ein wichtiger Aspekt, der auch 2010 bei einer Studie des britischen Royal National Institute for Deaf People mehrfach deutlich wurde, ist die geteilte Frustration, die eine Hörminderung mit sich bringt: Nicht nur der Betroffene leidet unter den Symptomen einer Schwerhörigkeit, auch sein Umfeld hat mit Umstellungen und neuen Problemen zu kämpfen. Durch die Eingeschränktheit, die eine Hörminderung mit sich bringt, verändert sich auch die Kommunikation zwischen den Partnern. Missverständnisse treten auf, wichtige Informationen werden nicht verstanden, Frustration macht sich bei beiden bemerkbar.

„Vor allem in Alltagssituationen treten Konflikte auf: Alles muss zwei Mal gesagt werden, man schreit nur noch, statt in normaler Lautstärke zu sprechen. Oder der Fernseher wird zu laut aufgedreht“, sagt Neuhuber im Gespräch mit Hören.at. Situationen wie diese bergen natürlich Konfliktpotential, denn irgendwann wird auch das Nervenkostüm des geduldigsten Partners dünner. An dieser Stelle ist es jedoch wichtig, auf den unter der Schwerhörigkeit leidenden Lebenspartner zuzugehen und mit Verständnis und Empathie zu reagieren.

  • Machmal ist schlechtes Zuhören auf schlechtes Hörvermögen zurückzuführen.
  • Oft ist es der Partner, der eine Schwerhörigkeit noch vor dem Betroffenen bemerkt.
  • Geduld, Einfühlungvermögen und ein Hörgerät können helfen, um sich wieder zu verstehen.

Aufklärung ist die halbe Miete

Bevor man als Partner in einer solchen Situation allerdings verständnisvoll und mitfühlend reagieren kann, muss man überhaupt einmal genau wissen, wovon der schwerhörige Lebensgefährte betroffen ist. Viele Angehörige sind uninformiert und daher auch oft überfordert. Beispielsweise ist ein Schreien, um sich bei der schwerhörigen Person Gehör zu verschaffen, eher kontraproduktiv. Betroffene hören nämlich nicht leiser, sondern nur bestimmte Tonfrequenzen werden gedämpft wahrgenommen. Viel wichtiger ist es deshalb, mit seinem Gegenüber beim Sprechen direkten Blickkontakt zu halten. Der akustisch eingeschränkte Partner kann sich damit auf das Gespräch vorbereiten, seine Ohren spitzen und hat durch die Mundbewegungen während des Sprechens auch eine optische Ebene als Hilfestellung.

Ein zweiter Punkt, der oft vergessen wird, ist die unterschiedliche Tagesverfassung, in der sich schwerhörige Menschen befinden. Man hört nicht jeden Tag gleich gut beziehungsweise gleich schlecht. Oft spielt Müdigkeit eine große Rolle, die Person kann sich dadurch weniger konzentrieren und bekommt nur noch die Hälfte mit. Hier ist die doppelte Portion Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt – alles andere würde zu Einschüchterung und Isolation bei dem Betroffenen führen.

Mit einem Hörgerät klar im Vorteil

Der nächste Schritt, um gewohnte Muster in der Beziehung oder der Familie wiederherstellen zu können, ist die Anschaffung eines individuell angepassten Hörgerätes. Neuhuber hat wenig Verständnis für die Scheu vor und Scham für Hörgeräte: „Ein Hörgerät sollte in der Gesellschaft eigentlich so anerkannt werden wie eine Brille – einfach als Hilfsmittel.“ Vorurteile, dass das Tragen eines Hörgerätes peinlich oder etwa hinderlich beim Kennenlernen von neuen Leuten sei, kann man laut Neuhuber aufgrund neuester Entwicklungen über Bord werfen: „Ich beobachte diese Entwicklung mittlerweile schon seit 25 Jahren: Hörgeräte werden immer kleiner, schicker, modischer – und damit auch immer unsichtbarer.“

Durch das regelmäßige Tragen eines passenden Hörsystems verbessert sich nicht nur die eigene Lebensqualität nachweislich, es stellt sich auch wieder eine zwischenmenschliche Normalität in Partnerschaft und Familie ein. Alltagssituationen stellen keine Hürden mehr da, Aktivitäten auch außerhalb der eigenen vier Wände werden wieder attraktiver und das Selbstbewusstsein der betroffenen Person wird gestärkt – was sich natürlich auch positiv auf ihren Lebenspartner auswirkt.