Kann man eine Lawine hören?

Wenn der Schnee zischt und bellt: Oft erfolgt eine akustische Warnung kurz bevor sich Schneemassen mit zerstörerischer Kraft in Bewegung setzen.

Wer schon einmal auf einer Schneefahrbahn unterwegs war, hat bestimmt bemerkt, dass diese viel leiser ist als Asphalt oder Beton. Weil Schnee eine besondere Wirkung hat. Die Kristalle absorbieren Schall, da die eingeschlossene Luft dämmend wirkt. Daraus erklärt sich auch, warum Schnee knirscht: „Das Geräusch entsteht durch das Brechen der Kristalle und die Reibung beim Verdichten. Je nach Schneetemperatur ist das Geräusch unterschiedlich. Manchmal klingt es mehr wie ein Knirschen, manchmal wie ein Quietschen“, erklärt Klaus Wagenbichler, Bergführer und Lawinenexperte der Bergrettung.

Für das menschliche Ohr ist das Brechen der einzelnen Kristalle nicht wahrnehmbar, für die Technik allerdings schon: „Bei Experimenten im Labor konnten wir solche Signale einige Sekunden vor einem Bruch in einem Schneestück messen“, sagt Jürgen Schweizer, Leiter des Instituts für Schnee- und Lawinen-Forschung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Er und seine Kollegen suchen nach jenem Geräusch, das vor dem Abgang einer Lawine auftritt. „Wir hoffen, die akustischen Emissionen der Brüche zwischen den Kristallen auffangen zu können“, erklärt er. Bis jetzt klappt das allerdings leider nur im Labor und noch nicht am Hang.

Ein Zischen oder Bellen als Warnsignal

Es gibt aber auch in der Schneedecke Veränderungen, die sich für den Menschen hörbar bemerkbar machen. Und zwar dann, wenn Luft aus dieser entweicht: „Das kann ein leises Zischen, wie bei einer Schlange oder ein regelrechtes Bellen sein. Sind die entstandenen Risse entsprechend groß, werden durch den Luftstrom auch Schneekristalle ausgeblasen. Auch die dabei auftretende Setzungsbewegung der Schneedecke ist zum Teil spürbar“, so Wagenbichler.

Dieses Phänomen tritt dann auf, wenn eine Schwachschicht der Schneedecke kollabiert. Das kann bereits durch das Eigengewicht oder durch eine zusätzliche Belastung, wie einen Menschen, ausgelöst werden. „Passiert das im flachen Gelände, ist es das letzte Warnsignal zum Verlassen dieses Bereichs. Passiert es im geneigten Gelände, befindet man sich inmitten der abgleitenden Schneemassen und damit direkt in einer Schneebrettlawine“, warnt der Experte.

Wer eine Lawine hört, ist zu nahe dran

Bei solchen Schneebrettlawinen stürzt die Schneedecke großflächig rund um den Auslösepunkt zusammen und reißt den Schifahrer mit sich. Derartige Situationen machen etwa vier Fünftel aller Lawinenunfälle aus. Das „Brett“ bezeichnet in diesem Zusammenhang aber nicht die Härte der betroffenen Schwachschicht, sondern beschreibt vielmehr den Umstand, dass sich hier eine ganze Schneemasse auf einmal, „wie ein Brett“ löst.

Lockerschneelawinen werden hingegen punktförmig ausgelöst: In einer Kettenreaktion bildet sich aus unverfestigtem Schnee eine Lawine mit Birnen-ähnlicher Form. Auf diesen Typ entfallen ein Fünftel aller Lawinenunfälle. Der Lärm, den einen abgehende Lawine produziert, hängt von ihrer Zusammensetzung ab. Während eine Staublawine wie ein Sturm klingt, ähnelt eine Nassschneelawine mehr dem Rauschen eines Wildbachs.

„Sie sollten jedoch nie so nahe an einer Lawine sein, dass Sie diese hören können – dann sind Sie mit Sicherheit in Lebensgefahr“, gibt Wagenbichler zu bedenken. Ob man sich vor einer Lawine in Sicherheit bringen kann, hängt vor allem vom Abstand zu dieser ab. Da Schneebrettlawinen aber meist durch die SchifahrerInnen selbst ausgelöst werden, befinden sich diese bereits mitten drin.

  • Wer abseits der Pisten unterwegs ist, sollte besonders aufmerksam auf Warnsignale achten.
  • Lawinenschutzvorrichtung in Vorarlberg: Oft wird die Schneedecke auf gefährdeten Hanglagen auch gesprengt, um eine kontrollierte Lawine auszulösen.
  • Bergführer und Lawinenexperte der Bergrettung Klaus Wagenbichler hat ein Gehör für Schnee.

Der Lawinenpiepser piepst nur selten

Akustische Signale spielen bei der Rettung Verschütteter nur eine untergeordnete Rolle: Einfach nur zu rufen, kann die oft tonnenschweren Schneemassen nicht durchdringen. Zwar überträgt die Schneedecke Außengeräusche, wie etwa Trittschall, gut nach innen, umgekehrt ist das allerdings kaum der Fall. Seit rund 40 Jahren ist die Verwendung von Lawinenverschüttetensuchgeräten (LVS), Sonden und Schaufeln der Standard bei der Bergung. Dass das LVS umgangssprachlich als „Lawinenpiepser“ bezeichnet wird, ist allerdings irreführend: Moderne, digitale Geräte führen die Helfer mittels Funk mit Richtungs- und Entfernungsangaben zu den Verschütteten. In unmittelbarer Nähe zu den Lawinenopfern geben fast alle LVS-Geräte zusätzlich ein akustisches Signal aus.

Laut wird es aber nicht nur dann, wenn eine Lawine abgeht, sondern auch wenn sie verhindert wird: „Um große Schneeansammlungen zu unterbinden, wird oft gesprengt. So kann die Schneemenge kontrolliert und zu einem bestimmten Zeitpunkt abgleitet werden“, erklärt der Experte. Wie laut die Sprengung ist, hängt von der Größe der Sprengladung und deren Position – auf oder in der Schneedecke – ab. Gesprengt wird mit einem speziellen Lawinen-Sprengstoff oder Gas-Explosionsanlagen. Bei Letzteren kann der Durchmesser des Sprengrohrs mehr als einen Meter betragen. Abhängig von Luftfeuchtigkeit und -dichte ist eine solche über mehr viele Kilometer hinweg hörbar.

Vorbeugung zur eigenen Sicherheit

Zur Prävention von Lawinenunfällen können aber auch Alpinsportbegeisterte selbst mir ihrem Verhalten beitragen: Nur wer die Warnungen und Empfehlungen der amtlichen Lawinenwarndiensten, der Liftbetreiber, der Hüttenwirte, der Berg- und Schiführer beachtet und die Sicherheitsregeln (zu erlernen in Ausbildungskursen verschiedenster Anbieter) kann die weiße Pracht gefahrlos für sich und andere genießen. Zuhören und gut hören schützt, auch am Berg!