Wenn Erinnerungen nachhallen

Das Speichern und Abrufen von Erinnerungen ist nicht nur ein komplexer biochemischer Vorgang in unserem Gehirn, sondern löst auch eine ganze Reihe an Gefühlen bei uns aus. Dabei spielen nicht nur einschneidende Ereignisse eine Rolle, sondern auch Musik kann unser Herz im wahrsten Sinne höherschlagen lassen.

„Das Gedächtnis liegt in einem Gehirnbereich, den man als Hippocampus bezeichnet. Wenn man dort ein neues Ereignis abspeichern möchte, dann verändern sich zunächst die Signale der Nervenzellen“, beschreibt Gregor Wenning, Leiter der Abteilung für Neurobiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, den Vorgang im Gehirn. „Wenn der gleiche Erinnerungsreiz immer wieder geweckt wird, fangen die Nervenzellen an, diese Signale in eine chemische Signatur umzuwandeln. So entsteht ein langfristiges Gedächtnis.“ Je öfter wir also eine Erinnerung abrufen und je einprägsamer und einschneidender ein Erlebnis war, desto stärker ist diese Erinnerung in unserem Langzeitgedächtnis gespeichert. Das gilt zwar gleichermaßen für Positives, etwa die erste Liebe, wie für Negatives, etwa einen Unfall. Doch gerade in der langfristigen Erinnerung neigen wir dazu, Erinnerungen zunehmend mit einem nostalgischen, rosigen Schleier abzuspeichern.

Das Gute an der „guten alten Zeit“ entsteht oft erst in der Erinnerung

Menschen neigen dazu, Schlechtes zu verdrängen und damit alle Erinnerungen zunehmend zu filtern. Negative Gefühle und schlechte Erlebnisse werden dabei nach und nach eliminiert. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Menschen bereits wenige Tage nach einem Ereignis beginnen, dieses zu romantisieren. Alle negativen Gefühle wurden rasch vergessen und durch positive ausgetauscht. „Früher war alles besser“, hört man dann gelegentlich sich selbst und andere sagen, wenn in Erinnerungen an die gute alte Zeit geschwelgt wird – auch wenn das vielleicht gar nicht der Wahrheit entspricht. Gerade in Zeiten, in denen es Menschen schlecht geht, kann der Rückblick auf eine vermeintlich schönere Vergangenheit hoffnungsspendend sein.

Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei die Kindheit und Jugend. Das sogenannte autobiografische Erinnern setzt etwa ab 40 Jahren ein und verstärkt sich mit zunehmendem Alter noch. Forscher konnten dann den Effekt des „Reminiszenz Bump“ beobachten. Er beschreibt, dass Menschen ab 40 mehr Erinnerungen aus der Zeit vor dem 25. Lebensjahr haben können, als von der Zeit danach. Es gibt einige Theorien, warum gerade diese Lebenszeit so signifikant zu sein scheint. Einige Forschungen legen nahe, dass viele Eindrücke das erste Mal in dieser Zeit abgespeichert wurden, vom ersten Job bis zum eigenen Auto und der dadurch neu gewonnenen Freiheit. Diese einschneidenden Erlebnisse können sich deshalb besonders gut in unser Gedächtnis einprägen. Eine andere Theorie besagt, dass die Ereignisse in unserer Jugend deshalb besonders präsent in unserer Erinnerung bleiben, weil sie unsere Identität und den Charakter bilden.

  • Musikhören kann positive Gefühle und Erinnerungen hervorrufen.
  • Ab 40 erinnern wir uns häufiger an die Jugend zurück.
  • Prof. Dr. Gregor Wenning leitet die Neurologie der Meduni Innsbruck.

Musik und Gefühle gehören zusammen

Musik hingegen kann viel intensiver mit dem Gedächtnis verbunden sein, als die bloßen Erinnerungen an Text und Melodie: „Musik hat die Fähigkeit, sich in die tiefsten Gehirnregionen einzulagern. Wenn wir Musik das erste Mal hören, speichert unser Körpergedächtnis auch das mentale Befinden und die Umgebung mit ab, die zu diesem Zeitpunkt eine Rolle spielen“, erklärt die Musikforscherin Vera Brandes.

Hören wir beispielsweise zum ersten Mal ein Musikstück, wenn wir verliebt sind, kann sich auch lange Zeit später unser Herzschlag erhöhen, wenn wir diesen Song wieder hören – obwohl wir uns manchmal gar nicht mehr an die Situation erinnern können. Laut Brandes hat dieser Effekt einen biochemischen Ursprung: „Unser Urgefühl von Wohlbefinden ist eng mit dem akustischen Erleben verbunden. Musik vermittelt uns auch ein Gefühl von Sicherheit. Dieser Prozess läuft über den Dopaminkreislauf ab, also über das Belohnungshormon. Musik lässt uns zudem das Bindungshormon Oxytocin ausschütten, das wir sonst beispielsweise bei einer innigen Umarmung mit einem geliebten Menschen produzieren.“

Musikalische Nostalgie kann auch Wärme schenken

Die beiden Forscher Xinyue Zhou und Ad Vingerhoets machten zudem die Entdeckung, dass eine durch Musik hervorgerufene nostalgische Erinnerung sogar Wärme hervorrufen kann. In ihrer Studie mussten Probanden unter anderem ihre Hand in Eiswasser stecken. Die Teilnehmer, die beispielsweise durch Musik in besonders nostalgischer Stimmung waren, hielten diese Tortur im Schnitt etwa sechs Sekunden länger durch und schätzten generell Raumtemperaturen höher ein, als sie tatsächlich waren.

Vera Brandes nutzt dieses durch Musik ausgelöste Wohlbefinden beispielsweise bei Alzheimerpatienten, da diese „sich über ihre Lieblingsmusik auch immer ein Stück Identität zurückholen können“, da unsere Lieblingslieder eng mit unserem Charakter und unserer Vergangenheit verknüpft sind. Die Musik löst beim Hören Emotionen und Erinnerungen aus, die für Patienten stressmindernd sein können und positive Gefühle, Ordnung und Struktur mitbringen können. Auch Gregor Wenning weiß um die positive Wirkung der Musik: „Musiktherapie hat keine heilende Wirkung gegen Alzheimer, aber man kann dem Patienten durch Musiktherapie zu mehr Lebensqualität verhelfen, indem man ihnen Geborgenheit und emotionale Wärme schenkt.“

Dass Musik manchmal anders gespeichert wird als Erinnerungen, hat Wenning selbst bei einer Alzheimerpatientin erlebt: „Sie konnte nicht mehr sprechen und erkannte ihren Mann nicht mehr – aber sie konnte ‚Tirol isch lei oans‘ singen. Scheinbar werden musikalische Inhalte anders abgespeichert und das Musikstück war chemisch so stark verankert, dass es gegen Alzheimer resistent war.“

Lieblingsmusik hilft nicht immer

Trotzdem bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass jede Musik einen therapeutischen Effekt hat: „Die Lieblingsmusik eines Menschen ist nicht immer gut für diesen, da auch traumatische Ereignisse damit verbunden sein können“, so Brandes. Welche Musik gerade hilft, ist immer vom Patienten abhängig. Manchmal kann eine Musikauswahl sogar kontraproduktiv wirken, sei es bei einer Depression, bei der auch die Lieblingsmusik keine positiven Gefühle mehr hervorruft. Oder sei es, dass bestimmte Genres oder Titel plötzlich mit einem schlechten Ereignis in Verbindung gebracht wird. Mozart wird zwar in der Musiktherapie gern als Klassiker gehandelt, aber schlussendlich bleibt die Wahl der „richtigen Musik“ immer eine ganz individuelle.

Ein gutes Gehör ist damit nicht nur einer der Faktoren, die Alzheimer vorbeugen können. Wer schlecht hört, isoliert sich häufig und kann in eine Depression rutschen. Wird der Hörverlust behandelt, kommt damit auch der Zugang zur Musik wieder und dieser sorgt bei kranken wie gesunden Menschen für Wohlbefinden.