Wenn Geräusche Kribbeln im Kopf auslösen

Akustische Reize, die für Kribbeln sorgen: Das ASMR-Phänomen hat das Internet erobert und fasziniert seit ein paar Jahren eine riesige Community. Tausende Videos tummeln sich im Netz und versprechen “Kopfmassagen”, Meditation und Entspannung. Doch was ist dran am Kopfkribbeln?

Eine Frau flüstert leise in ein Mikrofon, jemandem werden vor der Kamera die Haare geschnitten, es klopft, raschelt oder kratzt – das kann nur ein ASMR-Video sein. In den vergangenen Jahren geistert dieses Phänomen auf Online-Portalen herum und freut sich einer immer weiter wachsenden Community: Auf YouTube werden unter dem Begriff “AMSR” über 2.000.000 Ergebnisse angezeigt, fast 50.000 Kanäle werben mit diesen vier Buchstaben. Doch was steckt hinter diesem Internet-Phänomen?

Autonomous Sensory Meridian Response

“‘Autonomous Sensory Meridian Response’, kurz ASMR, ist eine von der US-Amerikanerin Jennifer Allen im Februar 2010 erfundene Bezeichnung für ein angenehmes Kribbeln der Haut, das in Reaktion auf diverse Stimuli auftreten kann“, erklärt Sonja Kirschall, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, die sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt hat. “Das Kribbeln beginnt meist auf der Kopfhaut, setzt sich über Arme und Rücken fort und führt oft zu einer Tiefenentspannung bis hin zu tranceähnlichen Zuständen mit begleitenden Glücksgefühlen.” Man geht dabei von einem sehr subjektiven Erlebnisempfinden aus, für das nicht jeder empfänglich ist.

Akustische Reize sind in der ASMR-Gemeinde laut Umfragen am beliebtesten und effektivsten. Darunter fallen das Rascheln oder Umblättern von Papier, Flüstern, Pinselstriche oder klappernde Scheren. All diese Geräusche können eine taktile Wirkung haben, die Kirschall in drei Kategorien unterteilt: direkt fühlbare Sounds, hypnotische Sounds und beglaubigende Sounds. Bei den direkt fühlbaren Sounds werden zum Beispiel Plosivlaute in den ASMR-Videos eingesetzt. Bei diesen Geräuschen kommt es zu einer Blockierung und Wiederfreisetzung des Atemluftstroms, wie zum Beispiel bei der Konsonanten-Aneinanderreihung „ksksksks“ oder „gdgdgdgd“. Diese können mit den richtigen Kopfhörern tatsächlich als Schalldruckschwankungen in den Ohren spürbar werden. Weißes oder Rosa Rauschen werden hingegen als hypnotische Sounds eingesetzt, um mit ihrer diffusen und desorientierten Soundfläche den Hörer in den ASMR-Bann zu ziehen. Durch beglaubigende Sounds vermitteln die sogenannten ASMRtists ein besonderes Gefühl von Exklusivität, Nähe und Körperlichkeit. Berührungsbeglaubigende Geräusche der Handhabung und Bearbeitung etwa lassen laut Kirschall “Rückschlüsse auf Material und Textur des berührten Objektes und die Art der Berührung zu, fungieren also als ‘materialisierende Klang-Hinweise’ im Sinne Michel Chions und geben damit gleichzeitig Hinweise auf die Art der Tasterfahrung, die sich durch den Kontakt ergibt. Sowohl neuronale Spiegelsysteme als auch die Aktivierung von Erinnerungen an eigene taktile Erfahrungen scheinen hier zentral zu sein.”

  • Flüstern - einer der beliebtesten akustischen Reize in der Community
  • ASMR kann wie Meditation wirken
  • Weißes Rauschen – ein hypnotischer Sound

Ein Phänomen erobert das Internet

Mit der Verbreitung des Internets seit dem Ende der 1990er boten sich viele neue Möglichkeiten: globale Vernetzung, Unterhaltung und Informationsaustausch. Vor allem Letzteres spielte für das ASMR-Phänomen eine bedeutende Rolle. Auf Q&A-Websites und in Gesundheitsforen wurden immer wieder Beiträge zu diesem ganz speziellen Kopfkribbeln besprochen, für das es noch keinen Begriff gab. “Weird Head Sensation” oder “Attention Induced Euphoria” war da oft zu lesen, bis schließlich die Facebook-Gruppe “ASMR” von Jennifer Allen ins Leben gerufen wurde und sich damit die Begrifflichkeit “Autonomous Sensory Meridian Response” durchsetzte. Die Medienwissenschaftlerin Sonja Kirschall beugt an dieser Stelle Missinterpretationen vor: “Dabei sollte der Begriff ‘Meridian‘ allerdings nicht, wie mittlerweile oft zu lesen ist, auf die traditionelle chinesische Medizin verweisen, sondern war von Jennifer Allen als eine Alternative zu ‘höhepunktartig’ gedacht, was dem euphorischen Charakter der Sensation gerecht werden sollte.”
Eine weitere Plattform, die schon bald für alle ASMR-Interessenten einen Raum zum Austausch der eigenen Erfahrungen bereit hielt, war “Reddit” mit einem eigenen ASMR-Subreddit, der großen Anklang in der Community fand.

Durch die enorme Online-Präsenz lockte ASMR auch bald das Interesse der Neurowissenschaft. Steven Novella berichtete 2012 als erster Neurologe auf seinem Science-Blog “NeuroLogica” von dem Kribbel-YouTube-Hype. Novella äußert darin die Vermutung, dass Neurodiversität für das ASMR-Empfinden eine Rolle spielen könnte. Immerhin sind menschliche Gehirne nicht identisch und weisen Unterschiede in der neurologischen Ausstattung auf. Craig Richard, Professor an der Shenandoah University in Winchester, Virginia, mischt sich ebenfalls in die naturwissenschaftliche Debatte rund um das Thema ASMR ein. Mit seiner Website www.asmruniversity.com gründete der Physiologe und Zellbiologe diese Plattform, die als Forschungsprojekt fungiert. Mithilfe von Archivierung, Recherchearbeit und vielfach auch Umfragen liefert die Website eine erste wissenschaftliche Aufbereitung des Themas.

Eine Glaubensfrage?

Was ist nun aber das Geheimrezept für dieses besondere Kribbeln im Kopf? “Das Gefühl, ein ASMR-Erlebnis zu haben, scheint eher mit der Suggestibilität der einzelnen Person
zusammenzuhängen und weniger ein normales, wiederholbares Reiz-Reaktions-Schema zu sein”, sagt Dr. Christoph Reuter, Psychoakustiker und Leiter des musikwissenschaftlichen Instituts an der Universität Wien. Für eine ASMR-Erfahrung ist demnach der Glaube daran viel wichtiger als besondere akustische oder akustisch-visuelle Reize.