Wie hören Vögel & Co.?

Es braucht nicht immer sichtbare Ohren, um zu hören. Vögel sind nur eine von mehreren Tiergruppen, die auf den ersten Blick keine zu haben scheinen. Dass sie trotzdem Geräusche wahrnehmen können, verdanken sie der Evolution des Hörens.

Hund, Katze, Maus – all diese Säugetiere haben wie wir Menschen ein äußerlich sichtbares Ohr. Sie hören in einigen Bereichen besser als der Mensch und sind durch ihre beweglichen Ohrmuscheln auch geschickt in der Ortung von Geräuschen. Ein Blick in die Voliere wirft dabei die Frage auf, wie und was Vögel eigentlich hören können, wenn das wichtigste Organ dafür scheinbar fehlt.

Die Ohrmuschel ist untypisch

Dabei ist die Ohrmuschel gar nicht so weit verbreitet. „Vögel und andere Reptilien, Amphibien und auch manche Säugetiere haben gar keine Ohrmuscheln. Sie sind eine zusätzliche Adaption zum Hören, die dazu dient, Schall wie eine Satellitenschüssel zu bündeln und an das Innenohr weiterzuleiten“, erklärt Stephan A. Reber, PhD, vom Department für Kognitionsbiologie an der Uni Wien.

Das ist der Evolution zu verdanken. Reptilien, zu denen Vögel gehören, entwickelten parallel zu Säugetieren ein Gehör, das ihrer jeweiligen Art entspricht. Schlangen  veränderten sich beispielsweise vom gehenden zum kriechenden Tier und verloren mit der Zeit vollständig ihr Außenohr, da sich der empfindliche Gehörgang zu schnell mit Schmutz füllt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie taub sind, so Reber: „Sie hören zwar aus der Luft sehr schlecht oder gar nicht, allerdings können sie Vibrationen am Boden sehr gut über das Skelett ans Innenohr weiterleiten.“

Die Schleiereule hat das beste Vogel-Gehör

Die verantwortlichen Knochen, die Schall weiterleiten, entwickelten sich aus den Kieferknochen. Während beim Menschen drei Knöchelchen über ein Hebelsystem den Ton weitergeben, ist es bei Vögeln lediglich ein Knochen, der allein vibriert. Damit können Menschen viel höhere Töne mit bis zu 20 Kilohertz wahrnehmen. „Vögel hören allerdings absolut nicht schlecht. Die Schleiereule ist unter den Vögeln der Champion, sie kann bis 12 Kilohertz hören und mit ihren Ohren allein eine Maus im Dunkeln fangen“, beschreibt Stephan Reber die Unterschiede beim Hören.

  • Alligatoren sind mit zwei Gehörkanälen wahre Ortungskünstler.
  • Die Schleiereule ist der Hör-Champion unter den Vögeln.
  • Schlangen leiten Vibrationen an das Innenohr weiter.

Geräuschortung durch Lautstärkedifferenz

Menschen orten Geräusche durch binaurales Hören. Das bedeutet, dass Menschen die Richtung, aus denen die Geräusche kommen, erkennen, da der Schall in unterschiedlichen Zeitabständen auf die Ohren trifft. Da Vögel im Gegensatz zum Menschen einen Kanal haben, der ihre beiden Gehörkammern verbindet, funktioniert ihr Ortungssinn anders: „Wenn der Schall auf das eine Ohr trifft, wird das Trommelfell nach innen ausgelenkt. Der Druck geht innerhalb des Kanals auch ins andere Ohr über. Dann wird das andere Trommelfell ganz leicht nach außen ausgelenkt. Diese Druckrezeption führt dazu, dass der Schall sehr gut geortet werden kann – viel besser als bei zwei separaten Kammern“, erklärt Reber den Vorgang im Vogelohr.

Auch die ovale Kopfform ist für die Ortung entscheidend, wie Forscher der TU München in einer Studie herausgefunden haben. Sie untersuchten dabei das Gehör von Krähen, Enten und Hühner und fanden heraus, wie deren Ortungssinn funktioniert. Ihr ovaler Kopf funktioniert dabei ähnlich wie eine Ohrmuschel. Der Schall wird, je nach dem wo er am Kopf auftrifft, abgelenkt, zurückgeworfen oder geschluckt. Demnach können Vögel aus der dadurch entstehenden Lautstärkedifferenz von einem Ohr zum anderen den Höhenunterschied bestimmen. Zusammen mit ihren seitlich am Kopf befindlichen Augen, die einen Sichtwinkel von fast 360 Grad ermöglichen, sind sie vor allem gegen Feinde optimal geschützt. Am besten hören Vögel, wenn sie sich auf einer Höhe mit der Geräuschquelle befinden. Möchte man also zu Hause mit dem Wellensittich sprechen, so beugt man sich idealerweise so zu den Tieren, dass man sich mit ihnen auf Augenhöhe befindet.

Hörhilfen für Eule und Krokodil

Die Schleiereule, deren Augen nach vorne gerichtet sind, hat nicht nur das beste Gehör, sondern auch bei der Ortung von Geräuschen einen etwas anderen Trick auf Lager: Ihr rechtes Ohr sitzt weiter oben als das linke, wodurch sie Höhenunterschiede wahrnehmen kann. Da sie vor allem in der Nacht jagt, ist diese Kombination aus großen Augen und gutem Gehör ideal.

Zum Titel für die besten Lauscher verhelfen der Eule auch Federn, die zwar nicht zum Ohr gehören, aber den Schall besser weiterleiten können. Auch andere Tiere haben biologische Hörhilfen, so Stephan Reber: „Krokodile scheinen zwei Gehörkanäle zu haben. Einer verläuft über und einer unter dem Gehirn. Sie sind fantastisch darin, Geräusche im Dunkeln zu orten.“