Wie unser Gehör ein Stimmenwirrwarr entwirrt

Der Cocktailparty-Effekt hilft uns dabei, Gespräche in lauten Umgebungen zu verstehen. Eine Hörminderung und das zunehmende Alter können diese Fähigkeit jedoch beeinträchtigen – was man vor allem oft in der Weihnachtszeit bemerkt.

Die Adventzeit steht bevor – und damit jene Zeit des Jahresd, die man gerne mit der Familie verbringt. Ob bei einem gemeinsamen Essen, einer Feier oder einem Ausflug – in lauter Umgebung kann es mitunter schwerfallen, den jeweiligen Gesprächspartner klar und deutlich zu verstehen. Unsere Fähigkeit, dieses Durcheinander an Stimmen und Umgebungslärm zu entwirren, erklären Psychologen und Akustiker mit dem sogenannten „Cocktailparty-Effekt“. Gezielt können wir unsere Aufmerksamkeit auf jene Schallquellen lenken, die uns interessieren, während irrelevante Informationen ausgeblendet werden. Es handelt sich also um eine automatische Selektion relevanter Sinneseindrücke. Zwei gesunde Ohren sind eine Grundvoraussetzung für dieses selektive Hören. Wie funktioniert der Cocktailparty-Effekt, und wodurch kann er beeinträchtigt werden?

Der Cocktailparty-Effekt hilft zu selektieren

„Überspitzt formuliert, beschreibt der Cocktailparty-Effekt die Fähigkeit des Menschen zum persönlichen Lauschangriff“, sagt Markus Zaunschirm, Akustiker am Institut für elektronische Musik und Akustik (IEM) der Kunstuniversität Graz. So ist das menschliche Gehirn in der Lage, für uns interessante Schallquellen von Störsignalen zu unterscheiden. „Dieses selektive Hören erlaubt es uns, Quellen aus bestimmten Richtungen um bis zu drei Mal so laut zu empfinden wie den Störschall„, erklärt Zaunschirm. Das Gegenüber auf einer Cocktailparty lässt sich also gut verstehen, während wir andere Gespräche ausblenden.

  • "Das selektive Hören erlaubt uns, Quellen aus bestimmten Richtungen um bis zu drei Mal so laut zu empfinden wie den Störschall."
  • Im Alter kann das selektive Hören auch beeinträchtigt sein, wenn keine Hörschwäche vorliegt.
  • Stimmen im Durcheinander isolieren – diese Fähigkeit ist als Cocktailparty-Effekt bekannt.

Ein Grund für diese Fähigkeit ist die Knappheit einer bestimmten Ressource: unserer Aufmerksamkeit. Mit dieser Aufmerksamkeitslenkung beschäftigt sich auch die Wahrnehmungstheorie der Psychologie. So erhalten bestimmte Sinneseindrücke – zum Beispiel solche, die persönlich relevant, besonders auffällig, oder uns aus der Vergangenheit bekannt sind – automatisch mehr Aufmerksamkeit als andere. Fällt der eigene Name in einer Konversation am Nachbartisch, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir diese Information wahrnehmen.

Wenn Zuhören in lauten Umgebungen schwerfällt

Fällt es zunehmend schwer, Gespräche in lauten Umgebungen zu verfolgen, so ist die Fähigkeit des selektiven Hörens beeinträchtigt. Insbesondere asymmetrische Hörschäden können dazu führen. Denn der Cocktailparty-Effekt setzt binaurales Hören – also das Hören mit beiden Ohren – voraus. Bei Menschen mit nur einem funktionsfähigen Ohr kann der Cocktailparty-Effekt nicht beobachtet werden. HNO-Ärzte weisen darauf hin, dass Schwierigkeiten beim selektiven Hören als Anzeichen für eine leicht- bis mittelgradige Schwerhörigkeit gewertet werden können.

Doch nicht nur asymmetrische Hörschäden können das selektive Hören beeinträchtigen, berichtet der Audio-Researcher Zaunschirm: „Neue Studien haben gezeigt, dass auch bei älteren Menschen mit normalem Hörvermögen die Fähigkeit der räumlichen Filterung nachlassen kann.“ Ein mögliche Erklärung dafür sei ein Nachlassen der Verarbeitungsleistung auf neuronaler Ebene. Doch in beiden Fällen gilt: Moderne Hörgeräte können Abhilfe schaffen.

„Neuere Hörgeräte mit mehreren Mikrofonen erlauben es, die Signale so zu kombinieren, dass sich eine erhöhte Empfindlichkeit in eine gewünschte Richtung ergibt“, sagt Zaunschirm. Der wissenschaftliche Begriff für dieses Verfahren lautet „Beamforming“. Dadurch sei es möglich, den Cocktailparty-Effekt zumindest teilweise zu imitieren und die Fähigkeit des selektiven Hörens bei Hörgeräteträgern zu verbessern. Hörgeräte können auf diese Art und Weise ein Stück Lebensqualität zurückgeben.