Wieso wir Ruhe brauchen

Zu viel Stress am Arbeitsplatz, zu wenig Entspannung dazwischen? Was es mit der Ruhe auf sich hat.

Überarbeitung, Burn-out und Depression – bei vielen kommt das Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“ besonders durch den Job viel zu kurz. Doch was ist dran am Müßiggang? Um der Ruhe näher auf den Grund zu gehen, hat hören.at mit Beate Handler gesprochen. Die klinische Psychologin und Autorin der beiden Bücher „Mach es anders! Von der Gewohnheitsfalle zu neuem Wohlfühlglück“ und „Mit allen Sinnen leben. Tägliches Genusstraining“ arbeitet in der HNO-Abteilung im Wiener Donauspital, wodurch sich der Arbeitsschwerpunkt Gehör entwickelt hat.

„Grundlegend ist Ruhe für jeden Menschen wichtig, da Erholung stabilisierend auf das Immunsystem wirkt. Ruhe bringt Entspannung, Wohlbefinden und ist die notwendige Ergänzung zu Aktivität“, erklärt die Gesundheitspsychologin. Die medizinische Bedeutung von Ruhe ist gleichzusetzen mit dem Begriff der Regeneration, was wörtlich übersetzt „Wiedererzeugung“ bedeutet. Gemeint ist damit die Rückgewinnung verbrauchter Kräfte, bei der Körper und Geist wieder mit neuer Energie aufgetankt werden. Fehlt dieser Bewusstseinszustand als natürlicher Ausgleich im Alltag, wirkt sich dies negativ auf die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit im Beruf aus.

Ruhe ist allerdings nicht mit dem Zustand der Stille gleichzusetzen, die sich durch die Abwesenheit von Geräuschen und Bewegungen auszeichnet. Dass absolute Stille für ein Lebewesen nicht gerade erholsam ist, haben Forscher von den Orfield Laboratories herausgefunden. Ihre Anechoic Test Chamber gilt als stillster Raum der Welt, in dem 99,9 Prozent des darin erzeugten Klanges absorbiert werden. Maximal 45 Minuten konnte es bisher ein Mensch in diesen Räumlichkeiten aushalten, da eine Lautstärke von -9 Dezibel für uns als äußerst unangenehm empfunden wird.

Das Gehör und seine „Aktivierungsfunktion“

Beim Prozess, unseren Körper und Geist zur Ruhe zu bringen und einmal komplett zu entspannen, muss auch das Gehirn „abschalten“. An dieser Stelle übernehmen unsere Ohren einen wichtigen Part in der Ruhefindung. „Über unser Gehör wird das Gehirn mit Reizen versorgt, das ist quasi seine ‚Aktivierungsfunktion’, was wiederum für Wachheit, Kreativität und Fantasie sorgt“, erklärt die Psychologin im Interview. „Hört jemand schlecht, kann diese Funktion gestört sein und man muss, um diese Reize aufzunehmen, mehr Energie aufbringen.“ Unsere Ohren übernehmen dabei einen Fulltimejob und arbeiten sowohl tagsüber als auch während des Schlafes. Das Gehör braucht daher eine Extraportion Ruhe, um alle Funktionen problemlos ausführen zu können.

Den Ruhezustand eines Individuums kann man übrigens auch per Messung feststellen. „Als Parameter dafür dienen Gehirnwellen“, erklärt Handler. Verschiedene Bewusstseinszustände können dank der Aufzeichnung von EEG-Signalen ermittelt werden. Alles, was in einem Frequenzbereich unter 13 Hz gemessen wird, fällt in den Bereich der Ruhephase, der selbst noch in verschiedene Zustände wie Tiefschlaf oder leichte Entspannung unterteilt ist.

  • Das Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“ kommt nicht von ungefähr.
  • Die medizinische Bedeutung von Ruhe ist gleichzusetzen mit dem Begriff der Regeneration.
  • Wie Ruhe und Entspannung gefunden werden können, ist individuell sehr verschieden.

Das Geschäft mit der Ruhe

In Zeiten, in denen immer alles schneller gehen muss – im Job wie auch privat –, kommen Pausen manchmal zu kurz, das Gleichgewicht zwischen Aktivität und Entspannung gerät dadurch aus dem Ruder. Eine Marketingnische nutzt nun dieses Bedürfnis, um mit der Sonderware Entspannung zu locken und seine „ausgehungerten“ Kunden zu verwöhnen. „Da wir in einer Zeit leben, die sich durch hohe Leistungsanforderungen kennzeichnet und in der sehr viele Reize auf uns einströmen, sind Bedarf und Bedürfnis daher sehr groß, was dem ‚Ruhe-Marketing‘ entgegenkommt“, sagt Expertin Handler. Das Angebot reicht dabei von Meditationsseminaren, Ferien in einem indischen Yoga-Ashram, Entspannungstees, Stressbällen bis zum adoleszenten Mandala-Malen – so gesehen ist für jeden Ruhesuchenden etwas dabei.

Um in diesem Überangebot an totaler Entspannung allerdings das Richtige für sich zu finden, muss man zuerst wissen, welcher Ruhe-Typ man ist. Für den eigenen Ruhezustand ist jedes Individuum nämlich selbst verantwortlich, jeder Mensch reagiert auch unterschiedlich auf verschiedenste Reize. Beate Handler unterscheidet zwei Arten der Erholung: die aktive und die passive Entspannung. Unter aktiver Entspannung versteht man alles, was man selbst durchführt, also jegliche Art von Sport, Meditationstechniken oder auch Kreatives wie Malen oder Stricken. Bei der passiven Entspannung geht es hingehen darum, entweder von jemand anderem entspannt zu werden, wie beispielsweise bei einer Massage, oder einfach nichts zu tun, in der Sonne zu liegen und ein Buch zu lesen. „Menschen können beides mögen oder auch nur eine Art der Entspannung als solche empfinden. Wichtig ist, zu entdecken, was für mich am besten wirkt“, sagt Handler.

Zu viel des Guten?

Sich wohlzufühlen, zu entspannen und mit sich selbst im Reinen zu sein ist die eine Sache, zu viel des Müßiggangs allerdings eine andere. „Grundsätzlich sollte ein Gleichgewicht zwischen Ruhe und Aktivität bestehen. Und die selbstgewählte Ruhe ist sicher wohltuender als eine auferlegte“, weiß die klinische Psychologin. Ohne Tätigkeit fällt es schwer, Entspannung als solche wertzuschätzen und genießen zu können. Wer sich also zu viel ausruht, kann schnell in die Faulheitsfalle tappen, aus der man sich nicht so leicht befreien kann.

Das Ruhebedürfnis ist individuell stets verschieden. Was jeder aber immer im Kopf behalten sollte, ist die richtige Dosis der Ruhe wie auch die der Aktivität.